2. Bildung

Alle Begabungspotenziale ausschöpfen, den Einzelnen fordern und fördern.

Internationaler Konkurrenzdruck und zunehmender Nachwuchsmangel zwingen Politik und Wirtschaft zum Handeln. Gleichzeitig sind Unternehmen mehr denn je auf erstklassigen Nachwuchs angewiesen. Das Bildungssystem muss daher alle Begabungspotenziale auf allen Bildungsebenen ausschöpfen und dafür so früh wie möglich gute Grundlagen in der Bildungsbiografie der Teilnehmer legen.

Elementarbildung ausbauen

Alle Einrichtungen im Elementarbereich sind zu Bildungseinrichtungen zu entwickeln. Bildung hat im frühkindlichen Alter ein besonders hohes Entwicklungspotenzial. Reine „Betreuungseinrichtungen“ im Elementarbereich werden dieser Erkenntnis nicht mehr gerecht und verschenken so Potenziale. Lebenslanges Lernen setzt voraus, dass „Lernen lernen“ ein besonderer Auftrag vom Kindergarten bis zur Hochschule ist. Als Konsequenz sollte auf der Landesebene die Zuständigkeit für den Elementarbereich federführend in den Bereich Kultus verlagert werden, um auch den wichtigen Bereich des Übergangs von der Kita in die Grundschule besser abzudecken und systematisch intensiver zu begleiten.

Der Hessische Bildungs- und Erziehungsplan 0-10 (BEP) ist nach seiner Implementierung vor mittlerweile fast 10 Jahren zu evaluieren und fortzuschreiben. Hierbei sind nicht nur Bildungsgrundlagen bei den Inhalten zu modernisieren, sondern auch die Zusammenarbeit zwischen Kindertagesstätten und Grundschulen weiter zu festigen. Der Pakt für den Nachmittag war der erste richtige Schritt, der nunmehr in 2017 zwei Drittel aller Schulträger einbindet.

Alle Kitas sind in einem weiteren Schritt regional besser untereinander und mit den Einrichtungen sowie Akteuren ihres Umfelds zu vernetzen. Dazu gehört auch die Entwicklung von regionalen und lokalen Kompetenzzentren für Eltern und Familien. Eltern, insbesondere von Migrantenfamilien, müssen stärker als bisher in die Bildungs- und Erziehungsarbeit von Kitas eingebunden werden. Die Landesregierung sollte hierbei eine koordinierende Aufgabe wahrnehmen.

Auch Kitas brauchen als erste Stufe des Bildungssystems eine strukturierte Qualitätsentwicklung und -sicherung (interne und externe Evaluierung). Dazu reichen Verweise auf Ergebnisse aktueller wissenschaftlicher Studien zur Verbesserung der Elementarbildung nicht aus. Die VhU fordert als pragmatischen Anreiz und auf der Basis der Standards des BEP ein Gütesiegel des Landes für die vorbildliche Umsetzung mit motivierender Anreizfunktion. Bundeseinheitliche Standards sind dagegen angesichts der Heterogenität der Bedingungen – auch in Hessen – nicht zielführend.

Die Umstellung der staatlichen Förderung im hessischen Kinderförderungsgesetz hat sich bewährt und sollte beibehalten werden. Statt der traditionellen Institutionenförderung ist die Pro-Kopf-Finanzierung eine konsequente und sachgerechte Fokussierung auf die Zahl der Einzelteilnehmer statt auf Gruppenbezüge. Aus Sicht der VhU konnte Kritik an der aufwändigen und komplexen Umstellung des Systems gut einbezogen und bedient werden.

In Hessen fehlen nach den Ergebnissen einer Kita-Qualitätsstudie der Bertelsmann Stiftung mehr als 7.000 Erzieher. Die Personalabdeckung ist daher im Zusammenwirken von Trägern und Land angemessen anzuheben, um das Qualitätsniveau frühkindlicher Betreuung und Bildung anzuheben. Gleichzeitig sollte die Ausbildung von Erziehern künftig verstärkt auch auf Fachhochschulniveau (z.B. BA-Studiengänge) erfolgen, um den Bildungseffekt neben der Betreuung zu stärken. Zwar liegt Hessen über dem bundesweiten Durchschnitt an Erziehern mit einem Hochschulabschluss. Wenn Kitas sich jedoch flächendeckend zu hochwertigen Bildungseinrichtungen entwickeln sollen, muss die Ausbildung der Erzieher diesem Anspruch mit mindestens einem Drittel des Personals genügen. Generell sollte zudem eine von drei Fachkräften in Kitas über eine MINT-Qualifikation verfügen, um entsprechende Potenziale zu heben und Interesse zu fördern.

Die frühkindliche Bildungsforschung sollte in der Landesförderung – auch in ihren Schnittstellen zur Neurobiologie, Psychologie und Soziologie – intensiviert werden. Vor allem sind Erkenntnisse der Neurowissenschaft stärker in die erziehungswissenschaftlich institutionalisierte Förderung zu transferieren.

Die Befreiung aller Eltern von Kita-Beiträgen mit Hilfe von Landesmitteln ist aus bildungsökonomischer Sicht richtig. Sie macht aber angesichts begrenzter Ressourcen nur Sinn, wenn eine anteilige Kompensation in anderen Bildungsbereichen erfolgt und insoweit eine Umschichtung der Bildungsausgaben des Staates vorliegt. Denn insbesondere diejenigen, die in ihrem Berufsleben ein hohes Einkommen erzielen, sollten dann auch nachgelagert und sozialverträglich für ein Studium einen finanziellen Beitrag zu ihrer eigenen Bildung leisten. Eine kostenlose Bildung „von der Wiege bis zum ersten Hochschulabschluss“ steht in keinem Verhältnis zu adäquaten Vorteilen. Zudem werden Eltern von Kindern aus einkommensschwachen Familien bereits heute meist von Kita-Gebühren befreit. Die vollständige Übernahme der Kosten für Kitas durch den Staat als Gebührenfreiheit für alle würde überdies mit ihrem Finanzaufwand notwendige Ressourcen für den weiteren Qualitätsausbau im Elementarbereich erheblich verringern und Erwartungen wecken, entsprechend bei Krippen für die Unterdreijährigen zu verfahren

Die Forschung zeigt, dass Kinder – vor allem aus sozioökonomisch benachteiligten Familien – bessere Leistungen erbringen, wenn sie eine Kita besucht haben. Zudem gilt immer noch ein Viertel der Drei- bis Fünfjährigen als sprachförderbedürftig. Hier sind Initiativen der Landes- und Kommunalpolitik bei den betroffenen Elterngruppen zur Werbung für den Kita-Besuch ebenso angezeigt wie der Ausbau des bereits bestehenden und guten hessischen Systems von Vorlaufkursen zur Sprachstanderfassung, -beobachtung, -dokumentation und –förderung. Dabei sollte auch Mehrsprachigkeit als durchgängiges Prinzip noch stärker definiert und im Sinne von Bereicherung verstanden werden. Es geht bei der Elementar- und Primarbildung vor allem um sinnstiftende Interaktion, bei der die Kinder ihren Spracherwerb aktiv mitgestalten, um Begeisterung und Engagement zu fördern.

Das Betreuungs- und Bildungsangebot für Unterdreijährige sollte angesichts eines hohen - und vor allem bei Ein- bis unter Zweijährigen noch zur Hälfte ungedeckten - Bedarfs in Zusammenarbeit von Bund, Land und Trägern schrittweise und auch ganztags ausgebaut werden (z. B. für Eltern im Schichtdienst). Darüber hinaus ermöglicht und unterstützt der Ausbau eine bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Hierzu gehören nicht nur mehr Plätze, sondern auch eine familienfreundliche Ausweitung und Flexibilisierung der Betreuungszeiten als wichtiger Beitrag zur künftigen Fachkräftegewinnung und -sicherung.

Auch einzelne Arbeitgeber haben diesen Bedarf erkannt und suchen nach Möglichkeiten, ihre Mitarbeiter mit zu unterstützen. Allerdings müssen hierfür die staatlichen Voraussetzungen für die Errichtung erleichtert und auf das notwendige Maß beschränkt werden, um auch mittelständischen Unternehmen, etwa im Verbund, Chancen für betriebliche oder überbetriebliche Einrichtungen zu eröffnen. Gleichzeitig dürfen Betriebskindergärten gegenüber kommunal finanzierten Kindergärten nicht schlechter gestellt werden.

Gerade im Kita-Bereich sind noch mehr als in der Schule Eltern, Familien und Erziehungsberechtigte wichtige und kompetente Partner, um das Zuhause als unverzichtbaren Bildungsort herauszustellen, einzubeziehen und zu fördern. Die vorhandenen Ansätze in Hessen zur Entwicklung entsprechender Bildungspartnerschaften sollten daher vor allem im Trägerbereich konsequent ausgebaut werden, zumal mit diesen Partnerschaften dann auch elterliche Brücken in die anschließende Schullaufbahn der Kinder angelegt werden.

Primar- und Sekundarbildung stärker individualisieren

Schüler sind individuell und kompetenzorientiert zu fördern. Hierzu gibt das Land Bildungsstandards (Mindeststandards), Kerncurricula und differenzierte Bildungsabschlüsse vor. Jede Schule entwickelt ein Schulcurriculum, profiliert sich mit eigenen Schwerpunkten und strebt entsprechende Zertifizierungen an.

Die hessische Wirtschaft erkennt an, dass es Hessen als einzigem Bundeland gelungen ist, den Anteil der Schüler ohne Hauptschulabschluss nach Beendigung der Vollzeitschulpflicht von 8,2 auf 4,1 % zu halbieren, wie dies von den Ländern beim Bildungsgipfel 2006 vereinbart worden war. Gleichwohl müssen die Anstrengungen beibehalten werden, die Zahl der Schulabgänger ohne Abschluss, aber auch mit schwacher Ausbildungsreife weiter zu senken. Dabei sollten die Zielgruppen der Kinder aus bildungsfernen Schichten und Kinder mit Migrationshintergrund noch mehr in den Fokus genommen werden. Lehrer müssen dabei durch multiprofessionelle Teams oder auch ehrenamtliche Helfer unterstützt werden. Zudem sollten mehr Lehrkräfte die Zusatzqualifikation DaF (Deutsch als Fremdsprache) erlangen.

Mit der „Selbstständigen Schule“ sollte in gestuften Formen das Prinzip der individuellen Förderung in Hessen optimal umgesetzt werden. Obwohl sich bis zum 1.1.2017 bereits 76 allgemeinbildende Schulen aller Schulformen (SES) und 46 berufliche Schulen (SBS), davon 4 RSBS (rechtlich selbstständige berufliche Schulen), auf den Weg zu einer „Selbstständigen Schule“ begeben haben, fehlt es bisher an einer gebotenen wissenschaftlichen Evaluation zur Implementierung in die Praxis. Eine solche Evaluierung sollte aber baldmöglichst erfolgen, um seit 2011 Erreichtes zu überprüfen, zu bewerten und auf dieser Grundlage dann weiter zu entwickeln.

Die Inklusion gehört zu den anspruchsvollsten Aufgaben im hessischen Schulwesen und sollte so viel Gemeinsamkeit wie möglich, aber auch so viel spezielle Förderung wie nötig beinhalten. Wo dem speziellen Förderbedarf in der Regeleinrichtung nicht genug Rechnung getragen werden kann, ist eine automatische Inklusion nicht sinnvoll. Daher muss die Option einer Förderschule auch weiterhin bestehen. Das bestehende Angebot darf nicht zu stark zurückgebaut werden, bis hinreichende Erfahrungen zu den Chancen wie Grenzen der schulischen Inklusion in der Praxis vorliegen.

Der Förderung der Grundschulen kommt eine besondere Bedeutung zu, wenn es um die Vermittlung solider Grundlagen für den weiteren Bildungsweg geht. Der IQB-Bildungstrend 2016 zeigt eine gute Entwicklung der Leistungen in Hessen trotz starker Zunahme der Schüler mit Migrationshintergrund und steigenden Herausforderungen, von der Inklusion über den Ganztagsschulausbau bis hin zu wieder steigenden Schülerzahlen. Hessische Schüler in der 4. Klasse liegen über dem Durchschnitt der Länder und verfügen sogar über deutlich überdurchschnittliche Kompetenzen in der Rechtschreibung. Trotz bundesweitem Abwärtstrend konnten auch die Leistungen in Mathematik stabil gehalten werden. Daher sollte das in 2017 verabschiedete Maßnahmenpaket zur Unterstützung der Grundschulen mit höherer personeller Ausstattung, einer besseren Vergütung von Leitungsfunktionen und Hilfen zur Qualitätssteigerung nach der Wahl fortgeführt werden. Auch die Stärkung der Bildungsinhalte durch die Einführung eines gestuften und verbindlichen Grundwortschatzes an den Grundschulen ist der richtige Weg, um Entsprechendes dann auch in anderen Kernfächern zu erproben.

Unterricht sollte im gesamten Schulsystem stärker fächerübergreifend sein und mehr Bezüge zur Lebenswelt der Schüler enthalten. Dies gilt vor allem für den Unterricht in den MINT-Fächern, insbesondere für technische Inhalte und ihre Anwendungsspektren. Hier sind die Lehrenden durch qualifizierte Aus- und Fortbildung zu unterstützen.

Digitalisierung ist eine Megaherausforderung für die hessischen Schulen und die Schulpolitik. Das Land und die Schulträger müssen dabei mit dem Bund zusammenarbeiten. Dabei geht es um mehr als um einen technischen Anschluss und eine Geräte- bzw. Softwareausstattung. Das Land muss neben Qualitätsrahmen und Curricula auch entsprechende Lehrerbildungsstandards entwickeln und in allen Institutionen der Lehrerbildung - also Hochschulen, Studienseminare, Fortbildungsinstitute – umsetzungsorientiert verankern. Jetzige und künftige Lehrer müssen befähigt werden, digitale Medien und Technologien didaktisch-methodisch sinnvoll anzuwenden. Die von der Kultusministerkonferenz Ende 2016 erarbeitete Strategie „Bildung in der digitalen Welt“ bietet hierfür einen guten Ansatz. Voraussetzung für eine erfolgreiche Digitalisierung aller Schulen im Land ist zudem eine flächendeckende Breitbandversorgung als grundlegende Infrastruktur, bei der auch in Hessen vor allem ländliche Regionen noch hinterherhinken. Die Breitbandinfrastruktur muss ergänzt werden durch eine didaktisch sinnvolle, handhabbare Ausstattung der Schulen – auch unter Nutzung des Ansatzes „Bring your own device“ (BYOD) sowie schulübergreifender zentraler Plattformen und Clouds mit kompetenter und möglichst landeszentraler Administration. Um digitale Kompetenzen dann auch tatsächlich zu fördern, reicht es nicht für die Landespolitik, digitale Medien etwa als Tafelersatz oder lediglich zur Internetrecherche zu nutzen. Über den Weg der Aus- und Weiterbildung müssen Lehrkräfte neben dem kompetenten und verantwortungsvollen Umgang mit digitalen Medien auch eine Offenheit für digitale Technologien und ein grundlegendes Verständnis für digitale Technik erwerben oder vertiefen und unterstützen. Die Digitalisierung der Schulen und des Unterrichts bietet insgesamt die große Chance, Unterricht stärker zu individualisieren. Hierzu bedarf es neben einer guten Infrastruktur und Geräteausstattung auch guter pädagogischer Konzepte sowie gesetzlicher Regelungen und Vereinbarungen zum Datenschutz.

Ein eigenes Hauptfach Informatik ist dagegen als allgemeiner Standard nicht zwingend erforderlich. Das Lehren von Programmiersprachen ist nicht für jede weiterbildende Schule notwendig. Zweck, Anlage und Funktionsweise von Algorithmen können über das Angebot von Informatik als Profil- oder Wahlfach in ausreichendem Maß als Teilmenge von Allgemeinbildung vermittelt werden. Wichtig ist, dass die fachspezifische wie überfachliche Einbeziehung und Reflexion der neuen Medien ein Teil der informationstechnischen Grundbildung an allen Schulen wird, ohne dies auf ein einzelnes Fach zu verengen.

Naturwissenschaftlicher Sachunterricht sollte bereits mit dem ersten Grundschuljahr erfolgen. Der experimentelle Zugang zu den naturwissenschaftlichen und technischen Themen steht dabei im Vordergrund. Naturwissenschaften sollten ununterbrochen und von der Schulform unabhängig verstärkt über die gesamte Schulzeit angeboten werden. Dabei ist der Stundenanteil der MINT-Fächer an den weiterführenden Schulen zu erhöhen und durch freiwillige MINT-Projekte mit externen Partnern zu ergänzen.

Berufs- und Studienorientierung sind grundlegende Voraussetzungen für die Wahl des richtigen Bildungswegs und den Bildungserfolg. Sie sind daher in der Schule auf der Grundlage der in 2017 erfolgten Änderungen im hessischen Schulgesetz einschließlich der nunmehr verpflichtenden Einbeziehung der Gymnasien auf dem Verordnungsweg in der Umsetzung frühzeitig, systematisch und auch in enger Kooperation mit der Wirtschaft zu vermitteln.

Grundlegende ökonomische Kenntnisse und Kompetenzen sind in Beruf und Gesellschaft ebenfalls unverzichtbar. Sie müssen daher in der Schule stärker als bisher vermittelt und eingeübt werden. Hierzu sollten, wie auch in Nordrhein-Westfalen beabsichtigt, ein Schulfach „Wirtschaft“ und ein entsprechender Lehramtsstudiengang eingerichtet werden. Erforderlich ist eine fundierte, curricular abgesicherte und durch praxisnahes Lernen angereicherte ökonomische Bildung. Dieser Anspruch wurde und wird im bestehenden Fach „Politik und Wirtschaft“ in der Regel nicht erfüllt. Inhalte des Politikunterrichts können auch in anderen Fächern des Bereichs der Sozial- bzw. Gemeinschaftskunde vermittelt werden. Wirtschaftliche Zusammenhänge sind überdies Querschnittsthemen, die sich in den meisten Fächern wiederfinden sollten.

Die Durchlässigkeit zur Erreichung der verschiedenen Bildungsabschlüsse muss sichergestellt sein. Das Land gibt die Bildungsziele, die Standards und die Dauer bis zum Regelabschluss in den Bildungsgängen vor. In diesem Rahmen sind unterschiedliche Formen der Binnendifferenzierung je nach Bildungsgang bzw. Schultyp möglich. Der Erfolg schulischer Arbeit muss überprüfbar sein. Schulen evaluieren sich selbst (intern) und sollten wieder durch eine unabhängige Institution (extern) überprüft sowie zu ihren Stärken und Schwächen beraten werden. Das Ergebnis sollte die Grundlage für unterstützende Maßnahmen der Schulverwaltung bilden, aber auch Hinweise für schulpolitische Konsequenzen und Hilfestellungen bei der Organisationsentwicklung geben.

Die Ausweitung der Ganztagsangebote sollte weiterhin bedarfsgerecht in der Nachfrage vor Ort und ressourcenorientiert vor allem unter qualitativen Gesichtspunkten erfolgen. Da mittlerweile seit 2011/12 die Zahl der Grundschulen im Schwerpunkt des hessischen Ganztagsschulprogramms auf mehr als die Hälfte der Schulen ausgeweitet und so verdoppelt werden konnte, sollten im Weiteren entsprechende Anstrengungen auch für die weiterführenden Schulen verstärkt werden. Hierzu sollte ein Masterplan für die kommende Legislaturperiode entwickelt werden, der einen Planungskorridor schafft, in dem dann die Nachfrage von Schulgemeinden bedient werden kann. Ganztagsschulen sind – soweit möglich – an den Arbeitszeiten der Eltern zu orientieren.  Erfolgreich arbeitende Schulen sind meist rhythmisierte Ganztagsschulen. Die gebundene Ganztagsschule sollte daher zum Standardangebot des Systems gehören, auch wenn das Angebot nur sukzessive ausgebaut werden kann.

In der universitären Lehrerausbildung steht nach wie vor in Hessen eine grundlegende Reform des Lehrerbildungsgesetzes aus. Individuelle Förderung der Schüler ist auch das Prinzip für die Lehrerbildung. Hinzu kommen neue thematische Herausforderungen, wie die Inklusion, die Digitalisierung und eine verstärkte Integration. Es sollten daher ein modernes Lehrerleitbild und konkrete wie fachbezogene Standards für die Lehrerbildung entwickelt werden. Die Eignung der Studieninteressenten sollte vor dem Studium reflektiert und während des Studienverlaufs überprüft werden. Die Lehrerausbildung (Bachelor und Master of Education) könnte in einer Pädagogischen Universität gebündelt werden. Ein einjähriges Traineeship mit Berufseinstiegsbegleitung sollte den Lehrer im Vorbereitungsdienst – LiV (Referendariat) ersetzen. Um die Durchlässigkeit des Systems zu erhöhen, sollten Quereinstiege ebenso gefördert werden wie Arbeitserfahrungen von Lehrkräften in der Wirtschaft.

Die Parallelstruktur von 15 staatlichen und noch mehr kommunalen Schulämtern ist zu aufwändig und zu teuer. Diese in der Verwaltung „verborgenen“ finanziellen Ressourcen könnten der individuellen Förderung von Schulkindern zugutekommen. Nach der erfolgten Abwicklung des Landesschulamtes sollten in einem weiteren Schritt überregionale Fragen und Aufgaben durch eine verstärkte Kooperation der Schulaufsichtsbehörden untereinander sowie der Schulämter miteinander verschlankt und optimiert werden.

Berufliche Aus- und Weiterbildung stärken

Eine wichtige Aufgabe in der nächsten Legislaturperiode ist die Stärkung und der Ausbau der dualen Berufsausbildung. Sie ist für die Wirtschaft die wichtigste Quelle für die Gewinnung von Facharbeitern und wird dies auch in Zukunft bleiben. Ohne eine Strategie, die alle Schulzweige einschließt, besteht die Gefahr, dass der Bewerbermangel zunimmt und Unternehmen sich mehr und mehr aus der dualen Berufsausbildung zurückziehen. Eine moderne und zeitgemäße Ausstattung ist ebenso wichtig wie eine gute allgemeine Verfassung der Berufsschulen und der Bausubstanz. Vielerorts bedarf es intensiver Investitionen in die Infrastruktur, um die Berufsschule als Säule der dualen Ausbildung langfristig als attraktiven Lernort zu erhalten.

Um die duale Ausbildung zu stärken ist auch zu beachten, dass zurzeit viele neue Unternehmen entstehen oder ihre Geschäftstätigkeit auf dem deutschen Markt ausweiten, die wenig Ähnlichkeit mit klassischen Produktionsunternehmen haben und daher auch keinerlei Affinität zu Ausbildungskonzepten haben, die im allgemeinen Verständnis überwiegend gewerblich-technisch geprägt sind. Alle Akteure rund um die duale Ausbildung sollten unterstützend und beratend tätig werden, um den Personalverantwortlichen dieser Unternehmen die Vorteile der dualen Berufsausbildung zu vermitteln. Dies gilt für die Bundesagentur für Arbeit, Kammern und Verbände, Politik und alle Verantwortlichen im Bildungssystem, insbesondere die beruflichen Schulen.

Das berufliche Schulsystem hat sich in einigen Zweigen (Fachoberschule, zweijährige höhere Berufsfachschule) zum Konkurrenzsystem für die duale Berufsausbildung entwickelt. Hier werden alternative Wege an die Hochschulen angeboten, die jedoch gleichzeitig nicht ausreichend auf ein Studium vorbereiten. Da Hessen den direkten Hochschulzugang für Facharbeiter geöffnet hat und damit die Gleichwertigkeit des beruflichen Bildungsweges mit dem Gymnasium bei einem vergleichbaren Leistungsniveau garantiert, sollte die duale Berufsausbildung Priorität vor vollschulischen Bildungsgängen an beruflichen Schulen haben. Dazu muss die Beratung der Jugendlichen ebenso wie das Angebot an Bildungsgängen umgestellt werden.

Die Gleichstellung von beruflicher und akademischer Bildung sollte auch bei den finanziellen Rahmenbedingungen beachtet werden. Die Aufstiegsfortbildung zum Meister kostet (Kurs- und Prüfungsgebühren) häufig über 10.000 €, während das vergleichbare Bachelorstudium kostenlos ist. Eine konsequente Gleichstellung beider Bildungswege erfordert daher auch die Angleichung der Finanzierungsmodelle.

Bereits jetzt ist die Lehrerversorgung beruflicher Schulen in technischen und naturwissenschaftlich geprägten Berufen gefährdet. Obwohl es nicht ausreichend Nachwuchs über die klassische Lehrerausbildung gibt, fehlen Konzepte, um die dringend benötigten Seiteneinsteiger im erforderlichen Umfang zu gewinnen.

Bisher fehlen die auf dem Hintergrund der Digitalisierung dringend nötigen strategischen landesweiten Konzepte für die Entwicklung der beruflichen Schulen. Durch die Digitalisierung ändern sich nicht nur die Berufsbilder. Unternehmen setzen vermehrt auf digitale Medien für die interne Kommunikation, die Organisation und Abstimmung von Arbeitsprozessen und die immer wichtigere berufsbegleitende Weiterbildung. Auch wenn diese Kompetenzen (noch) nicht in allen Berufen gleichermaßen erforderlich sind, vergrößert sich die Lücke zwischen der Arbeitsweise in beruflichen Schulen und großen Teilen der Wirtschaft.

Es gibt bisher kein Gesamtkonzept, wie die Vorteile der Digitalisierung auch im staatlichen Bildungssystem besser genutzt werden können. Dazu gehören Themen wie der Aufbau einer bundesweiten Bildungscloud als für alle Schulen zugängliche Rahmenressource, die Nutzung von im Internet frei zugänglichen Bildungsangeboten, die Selbstorganisation von Lernenden bei der Erarbeitung von Themenfeldern und die Kommunikation zwischen Lehrern, Schülern und Ausbildungsbetrieben.

Bei einem planmäßigen Einsatz digitaler Medien und der Nutzung der erweiterten Kommunikationsmöglichkeiten können im Bildungssystem Ressourcen frei werden und für eine bessere Betreuung und individuelle Förderung von Schülern genutzt werden. Dazu bedarf es jedoch insbesondere bei den Berufsschulen als Teil der dualen Ausbildung einer langfristigen Strategie der gleichzeitigen Implementierung von Technologie und neuen Lernformaten.

Ansprechpartner
Jörg Feuchthofen

Jörg Feuchthofen
Bildungs- und Gesellschaftspolitik