3. Integrationscamp der hessischen Wirtschaft 2018

Ein Drittel des Integrationswegs geschafft // Pollert: „Flüchtlinge schließen erste Ausbildungsplatzlücken. Größter Kraftakt steht noch bevor“ // Martin: "Flüchtlingszuzug motivierte alle Beteiligte zu Höchstleistungen. Integration braucht Zeit."

Frankfurt am Main. Anlässlich des dritten Integrationscamps der Wirtschaft (ICW) zogen Dr. Frank Martin, Leiter der Regionaldirektion Hessen der Bundesagentur für Arbeit (BA), und Dirk Pollert, Hauptgeschäftsführer der Vereinigung der hessischen Unternehmerverbände (VhU), Bilanz zur Flüchtlingsintegration und stellten ihre Diagnosen und Prognosen vor.

Die Unternehmen Siemens und CodeDoor präsentierten Beispiele aus der Praxis. In ihrer Bewertung waren sich Wirtschaft und Arbeitsagentur einig: „Die hessischen Unternehmen legen bei der Integration in Ausbildung und Arbeit ein gutes Tempo vor und liegen leicht über den Erwartungen. Die schwierigeren Kandidaten werden aber erst noch kommen. Sämtliche Erfahrungswerte aus vergangenen Migrationswellen zeigen: Erfolgreiche Integration dauert fünf bis zehn Jahre. Das Erreichte macht Mut, die Probleme z. B. zwischen auseinanderklaffendem Eigen- und Fremdbild müssen jedoch klar benannt werden. Aber: Yes, we can! Es gibt keinen Grund, an einer erfolgreichen Integration zu zweifeln.“

Dirk Pollert und Dr. Frank MartinDr. Frank Martin, Leiter der Regionaldirektion Hessen, sieht sich in seinen Prognosen der letzten beiden Jahre bestätigt. So seien von den prognostizierten 43.000 Geflüchteten mittlerweile knapp 90 % in den Agenturen für Arbeit und Jobcentern angekommen und somit arbeitssuchend oder arbeitslos gemeldet. Die Mehrzahl (94 %) würden jetzt durch die Jobcenter betreut. Jeder zehnte Arbeitslose in Hessen habe mittlerweile einen Fluchthintergrund. „Der Zuzug von Flüchtlingen nach Hessen hat in den letzten zwei Jahren alle Beteiligten zu Höchstleistungen motiviert. Es hat sich als richtige Entscheidung erwiesen, frühzeitig viele Weichen gestellt zu haben, die die Integration in unsere Gesellschaft und in Arbeit erleichtert haben. Ob es sich um die bereits 2015 von der BA finanzierten Sprachkurse in der Anerkennungsphase, die Implementierung des Programmes „Wirtschaft integriert“ oder das seit dieser Woche eingeführte Testverfahren MySkills handelt: Alle Aktivitäten zielen darauf ab, Qualifikationen, berufliche Kenntnisse, schulische oder berufliche Bildung zu identifizieren und zu erweitern. Das Ziel bleibt, alles zu tun, um Geflüchteten den Weg zu einem existenzsichernden Einkommen zu ebnen und damit längerfristig die Sozialkassen zu entlasten.“

„Im Jahresdurchschnitt traten bisher jeden Monat über 3.000 geflüchtete Personen in Maßnahmen der Agenturen und Jobcenter ein. Über 5.000 Personen konnten binnen eines Jahres eine sozialversicherungspflichtige Beschäftigung aufnehmen. Etwa 1.600 geflüchtete Menschen haben im letzten Jahr eine duale Ausbildung oder eine Einstiegsqualifizierung begonnen. Dass Integration Zeit braucht, habe ich bei vielen Gelegenheiten bereits betont. Gerade das geringe Qualifikationsniveau der Eingereisten verbunden mit geringen Sprachkenntnissen zeigt, dass wir uns in einem langfristigen Projekt befinden. Angesichts des steigenden Fachkräftebedarfs, demografischer Veränderungen und rückläufiger Einwanderungszahlen sind Investitionen in zukünftige Arbeitnehmer sinnvolle Investitionen“, so Martin weiter.

Drei Flüchtlinge auf dem Weg zur Integration„Was die Wirtschaft – angesichts des sich verschärfenden Fachkräftemangels – immer wieder und auch heute fordert, ist die gesteuerte Zuwanderung von gut ausgebildeten Fachkräften. Bekommen haben wir 2015 eine politisch gewollte ungesteuerte Zuwanderung von Flüchtlingen, die die üblichen Arbeitsmarktkriterien in den seltensten Fällen erfüllen“, stellte VhU-Hauptgeschäftsführer Dirk Pollert klar. Aber: „Aktuell 1.600 Flüchtlinge in Ausbildung oder Einstiegsqualifizierung. Eine Steigerung der sozialversichert beschäftigten Menschen aus sieben Asylherkunftsländer um 41 % auf knapp 20.000 – das sind Zahlen, die eine verdammt gute Integrationsleistung dokumentieren. Ein Drittel der Wegstrecke haben wir zurückgelegt.“ Erfreulich sei, dass das Qualifikationsprofil breiter als erwartet ist: 44 % sind bislang in Helferberufe gegangen, 45 % sind Fachkräfte mit mindestens 2-jähriger Ausbildung und rund 10 % Experten mit akademischen oder Meisterabschlüssen. Kurzum: Die Flüchtlinge beginnen, die Lücken auf dem Arbeitsmarkt zu schließen.

Vor allem das Handwerk kann sich bereits über eine sichtbare Verringerung des Fachkräftemangels freuen: Schon jeder zehnte Azubi oder angehende Azubi im hessischen Handwerk hat einen Fluchthintergrund. „Erfreulich ist auch, dass die Flüchtlinge sich über das gesamte Anforderungsspektrum der dualen Ausbildung verteilen. Das hessische Musterprojekt ‚Wirtschaft integriert‘ konnte schon 63 % der ersten Kohorte 2016/17 in ein Ausbildungsverhältnis vermitteln. Diese Werte sind bundesweit beispielhaft. Insgesamt wurde eine Einstiegsqualifizierung und Ausbildung in 85 Ausbildungsberufen angeboten. Wir sehen es dabei als sehr positiv an, dass den sechs am meisten besetzten Ausbildungsberufen mindestens eine dreijährige Ausbildung zugrunde liegt. Das Spektrum der Top 6 umfasst sogar 3,5-jährige industrielle Metall- und Elektroberufe wie Anlagenmechaniker und Elektroniker. Köche und Friseure gehören ebenfalls dazu. Spitzenreiter ist der Kfz-Mechatroniker, ein anspruchsvoller Handwerksberuf“, so Pollert.

Der größte Teil der Aufgaben liegt aber noch vor uns. Aktuell seien noch über 6.000 junge Flüchtlinge in den InteA-Klassen der beruflichen Schulen – InteA bedeutet Integration durch Ausbildung. Nach den InteA-Klassen könne sich eine duale Berufsausbildung unmittelbar anschließen. Oft brauche es aber noch eine Einstiegsqualifizierung als Zwischenstufe, bevor die Deutschkenntnisse für den Berufsschulunterricht ausreichten. Auch bei den Helfertätigkeiten baue sich ein Problem auf. Sie seien – realistisch betrachtet – zwar für viele ein sinnvoller Einstieg, bei dem die Zeitarbeit eine wichtige Brückenfunktion übernehmen könne: Denn die Wahrscheinlichkeit, aus der Zeitarbeit in eine Beschäftigung z. B. beim Entleihunternehmen zu wechseln, steige bei vorher arbeitslosen Ausländern durchschnittlich um 17 %. „Der Anteil Geringqualifizierter sollte aber tendenziell weiter zurückgehen. Denn sie sind überdurchschnittlich von Arbeitslosigkeit bedroht. Hessen hat mit der Initiative ProAbschluss bereits erste Voraussetzungen für eine Qualifizierung Geringqualifizierter im Arbeitsprozess geschaffen. Diese Konzepte sind wichtig. Für diese Gruppen ist der erste Schritt in Beschäftigung oft die Voraussetzung dafür, dass überhaupt irgendwann eine Qualifizierung stattfinden kann“, so Pollert.

Barbara Ofstad, Leiterin der Siemens Ausbildung Deutschland, freute sich: „Am Siemens-Standort Frankfurt bieten wir derzeit über 450 Lernenden eine fundierte Ausbildung, deutschlandweit sind es über 8.000. Neben Ausbildung engagiert sich Siemens in Ausbildungsvorbereitung: mit sechs Förderklassen jährlich, nur für Geflüchtete, wollen wir junge Menschen an das berufliche Umfeld in Deutschland heranführen und ihnen so eine Perspektive eröffnen. Die Erfahrungen aus dem ersten Durchlauf im Jahre 2016 haben uns darin bestärkt, das Programm auch weiterhin anzubieten und auf andere Siemens-Standorte auszuweiten.“

Das Start-up CodeDoor aus Frankfurt verfolgt den pragmatischen Weg, Flüchtlinge genau mit den Fähigkeiten auszustatten, die am Markt gefragt sind. „CodeDoor bringt Menschen das Programmieren bei“, sagte Farid Bidardel. Bis heute haben wir 430 Studenten aufgenommen – 120 sind aktuell in unseren Kursen aktiv. 90 % unserer Absolventen konnten wir bislang erfolgreich weitervermitteln – bei Startups, KMUs aber auch in große Unternehmen. Wir sind nach München, Gießen, Berlin Jena und Hamburg expandiert und planen weitere Städte.“
Interview HR Online
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Bitte beachten Sie die Presseinformationen   „Siemens verlängert Programm zur Integration von Flüchtlingen“ und   „CodeDoor: IT-Kenntnisse für Flüchtlinge“ sowie die    „Anonymisierten Erfolgsgeschichten aus den dem Bildungswerk der hessischen Wirtschaft" zur Vermittlung von unbegleiteten minderjährigen Ausländern.

Das Bildungswerk der hessischen Wirtschaft koordiniert das Projekt „Wirtschaft integriert“ über 28 Standorte in Hessen. Es betreut u.a. auch drei Gruppen von insgesamt 29 jungen Menschen, die 2015 oder Anfang 2016 als unbegleitete minderjährige Flüchtlinge hier ankamen.

HINTERGRUND: Integrationscamp der Wirtschaft 2018 (#ICW18)

Das #ICW18 ist ein innovatives Austauschforum für Unternehmen, Organisationen und Personen, die sich mit der Integration von Flüchtlingen beschäftigen. Schwerpunkt ist die Integration in Arbeit und Ausbildung. Ziel ist, allen Akteuren ein Forum zu bieten, auf dem sie ihre Erfahrungen und Konzepte austauschen, voneinander lernen und Kooperationen und Netzwerke bilden können. Das #ICW18 gibt selbstverständlich auch den Flüchtlingen eine Stimme.

Die ersten beiden IntegrationsCamps der Wirtschaft im Frühjahr 2016 und 2017 hatten das Ziel, nach der Zuwanderungswelle 2015 die große Zahl von Initiativen ganz unterschiedlicher Akteure, die oft unabhängig voneinander versuchten, erste Unterstützungs- und Integrationsmaßnahmen zu organisieren, auf einer Plattform über ein BarCamp zu koordinieren, zu vernetzen und die Erfahrungen zu teilen.

Rückfragen bitte an:

Dr. Ulrich Kirsch, Geschäftsführer Kommunikation und Presse, Vereinigung der hessischen Unternehmerverbände e. V. (VhU), Telefon: 069 95808-150, Mobil: 0172 7120373, E-Mail: ukirsch@vhu.de

Angela Köth, Presse und Marketing, Regionaldirektion Hessen der Bundesagentur für Arbeit Telefon: 069 6670-418, Mobil: 0171 5589477, E-Mail: hessen.pressestelle@arbeitsagentur.de

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