"Die Zahl der Unternehmen mit Kurzarbeit steigt schon"

Im FR Interview: Wolf Mang, Unternehmer-Präsident. Auch in seiner eigenen Firma spürt er die Auswirkungen der Corona-Krise. Von der Politik fordert er Kredite für Betriebe, die in Schwierigkeiten kommen.

Herr Mang, wie spüren Sie als Unternehmer die Auswirkungen des Coronavirus?

Es beschäftigt natürlich unsere Mitarbeiter hier bei Arno Arnold in Obertshausen. Wir haben einen großen Kunden, dessen Werk für drei Tage geschlossen war, weil sie dort einen Corona-Fall hatten. Wir spüren auch ein verlangsamtes Bestellverhalten bei den Kunden, weil es eine Unsicherheit auf dem Markt gibt. Ich persönlich glaube, dass das Problem, die Ausbreitung des Coronavirus, eher zu beherrschen ist als die teilweise übertriebenen Reaktionen auf dieses Ereignis.

Schon jetzt führt die Verbreitung des Coronavirus zu massiven Schutzmaßnahmen. Wie lange darf das noch dauern, bis es für die hessische Wirtschaft ein relevantes Problem wird?

Ich gebe Ihnen ein Beispiel: Ich bin auch für ein großes Unternehmen, die Oechsler AG, verantwortlich, das mit 1200 Mitarbeitern in der Nähe von Schanghai produziert. Nach den wegen des Virus verlängerten chinesischen Neujahrsferien durften nur 450 Beschäftigte zurückkehren. Zwei Wochen lang haben wir mit einer sehr reduzierten Mannschaft gearbeitet. Trotz des vorübergehenden Produktionsstillstands und des danach langsamen Wiederanlaufens der Produktion haben wir bei Oechsler noch keinen Ausfall. Noch sind jede Menge Kleinstmotoren, die wir für die Herstellung von elektronischen Parkbremsen brauchen, per Schiff auf dem Weg. Schwierig würde es, wenn die Krise länger anhält, und wir die Teile per Luftfracht holen müssten.

Sie haben Glück, dass die Container mit den Motoren zwischengelagert auf einem Schiff unterwegs sind?

Ja. Beim Geschäft mit Italien sind die möglichen Auswirkungen eher größer. Bei Arno Arnold hatten wir vor einigen Tagen das Problem, dass ein Kunde in Italien dringend Teile brauchte, wir aber zunächst keinen Transporteur fanden, der bereit war, in die Nähe der Lombardei zu fahren. Das ging erst drei Tage später und zu einem deutlich höheren Preis. Viele Betriebe erleben gerade einen plötzlichen und scharfen Rückgang von Aufträgen und Umsätzen. Das betrifft leider nicht nur Luftverkehr, Logistik, Messen, Tourismus, Hotellerie und Gastronomie. Auch die heimische Industrie ist durch Produktionsausfälle in Asien und weltweite Mobilitätsbeschränkungen getroffen. Diese Rückgänge kommen zu der aktuellen Konjunkturkrise seit Mitte letzten Jahres hinzu.

Wie hart hat Corona die Metall- und Elektroindustrie in Hessen betroffen?

Die Zahl der Unternehmen, die auch deswegen Kurzarbeit anmelden, steigt schon. Wir haben deshalb als Verband gefordert, dass schnellstmöglich einfache Regelungen für Kurzarbeit geschaffen werden, weil es jetzt zu starken Beeinträchtigungen in den Produktionsketten kommen wird. Die große Koalition in Berlin hat nun gehandelt. Es hilft, dass den Arbeitgebern die Sozialversicherungsbeiträge für die ausgefallenen Arbeitsstunden vollständig statt nur zur Hälfte ersetzt werden. Und es ist gut, dass nun mehr Betriebe berechtigt sind, Kurzarbeitergeld zu erhalten. Dadurch können betriebsbedingte Kündigungen verhindert werden.

Die Krise trifft die hessische Wirtschaft doppelt, weil sie stark vom Export lebt. Was würde es bedeuten, wenn die Beeinträchtigungen anhalten, Lieferketten über Wochen oder Monate unterbrochen sind, weil Produktionsstandorte ausfallen und die Lager sich leeren?

Aus heutiger Sicht wären solche Auswirkungen vergleichbar mit einer Naturkatastrophe. Dann hätten wir auch politisch und administrativ große Probleme. Das ist aber bisher nicht absehbar.

In Italien hat man Schulen und Kindertagesstätten zunächst bis Mitte des Monats geschlossen. Welche Möglichkeiten hat ein Unternehmen, so etwas abzufedern?

Ein Teil der Unternehmen bereitet sich darauf vor, dass ein großer Teil der Beschäftigten auch wegen solcher Betreuungsprobleme von zu Hause aus arbeitet. Das geht aber nicht in jedem Bereich.

Für das produzierende Gewerbe ist Homeoffice vermutlich wenig hilfreich.

Das funktioniert wahrscheinlich so wenig wie bei der Feuerwehr oder im Krankenhaus. Ich kann eine Lasermaschine nicht von zu Hause bedienen. Allgemein bräuchten wir - gerade für eine Situation wie jetzt - flexiblere Arbeitszeitregelungen. Das würde auch helfen, Produktionsrückstände aufzuarbeiten und die Lager wieder zu füllen, wenn die Krise vorüber ist.

Es wird schon über Konjunkturprogramme diskutiert, um die Wirtschaft zu stützen. Braucht es die auch in Hessen?

Nein. Uns ist wichtig, zur Überbrückung von Rückgängen sehr schnell Kurzarbeit so zu ermöglichen, dass für die Unternehmer der Arbeitgeberanteil an der Sozialversicherung nicht die Kosten massiv erhöht. Das zweite Thema ist in der Tat die Finanzierung. Unternehmen, die zum Beispiel gerade nicht nach Italien liefern können und Umsatzeinbrüche haben, müssen unkompliziert schnell Kredite zur Verfügung gestellt bekommen. Deshalb ist es gut, dass die Politik im Bund und im Land zugesagt hat, Unternehmen zu helfen, die coronabedingt in Liquiditätsschwierigkeiten geraten.

Die Corona-Krise trifft die hessische Wirtschaft in einer Zeit, in der etwa die Unternehmen der Metall- und Elektroindustrie ohnehin mit Produktions- und Auftragsrückgängen zu kämpfen haben.

Sie haben recht. Wir dürfen bei der Diskussion über das Coronavirus nicht übersehen, was die Wirtschaft noch viel mehr belastet. Unsere Metall- und Elektro-Unternehmen müssen gleichzeitig zu einer Konjunkturkrise einen tiefgreifenden Strukturanpassungsprozess bewältigen, der weit über 2020 hinausreichen wird. Um global weiter vorne zu laufen, müssen sie immense Innovations- und Investitionsleistungen erbringen. Ein großes Thema ist die Produktivität. In den ersten drei Quartalen des Jahres 2019 sind die Lohnstückkosten in Deutschland um 6,7 Prozent gestiegen - stärker als in allen anderen untersuchten 27 Ländern. Das deutsche produzierende Gewerbe ist in puncto Kostenbelastung im Vergleich zum Wettbewerb so schlecht aufgestellt wie zuletzt im Jahr 2002.
 

ZUR PERSON:

Wolf Matthias Mang (62) ist Vorstandsvorsitzender des Arbeitgeberverbands Hessenmetall und Präsident der Vereinigung der hessischen Unternehmerverbände (VhU).

Der Diplom-Kaufmann ist Geschäftsführer der Arno Arnold GmbH in Obertshausen im Kreis Offenbach sowie Aufsichtsratsvorsitzender der Oechsler AG mit Sitz im fränkischen Ansbach.


Das Interview führten Peter Hanack und Christoph Manus. Veröffentlicht in der Frankfurter Rundschau vom 10.03.20 / © Alle Rechte vorbehalten. Frankfurter Rundschau GmbH, Frankfurt.

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