Interview: VhU-Präsident fordert in der Corona-Krise gezielte Hilfen

Interview der Frankfurter Neue Presse, Frau Christiane Warnecke vom 25.04.20

Der Präsident der VhU erwartet ein wirtschaftliches Comeback des Landes. Doch Wolf Matthias Mang kritisiert auch Wettbewerbsverzerrungen und drängt auf baldige Lockerungen.

Sie glauben, dass die Ausbreitung des Coronavirus eher zu beherrschen ist als die teilweise übertriebenen Reaktionen darauf. Wie meinen Sie das?

Die Balance zwischen den Maßnahmen zum Infektionsschutz und den Auswirkungen auf die Wirtschaft muss stimmen. Ich bin zum Beispiel gegen die pauschale Erhöhung des Kurzarbeitergeldes.

Viele Menschen können aber ihre Rechnungen nicht mehr bezahlen...

Mit der Gießkanne Geld in den Sozialstaat hineinzupumpen, halte ich trotzdem für falsch. Am Ende müssen alle Wohltaten finanziert werden. Und es darf keine Steuerkeule auf die Arbeitnehmer und Unter­nehmen niedergehen, wenn die Wirtschaft wieder anläuft. Deshalb fände ich es besser, nur dort zu helfen, wo wirklich Not am Mann ist. Also zum Beispiel das Kurzarbeitergeld für Menschen mit einem besonders niedrigen Grundlohn zu erhöhen. Es gibt deswegen ja auch Tarifverträge, die Härtefallregelungen vorsehen. Zudem sind die Hinzuverdienst¬möglichkeiten ja richtigerweise ausgeweitet worden. Wir sollten auch lieber mehr Geld in digitale Bildung stecken.

Die VhU hat der Politik einen Vier-Phasen-Plan empfohlen: In Phase eins drängen Sie auf Lockerungen auch für Kitas und die Gastronomie. Zögern die Politiker zu lange?

Nein, ich fühle mich in Hessen gerade in dieser Krise gut regiert. Unser Ministerpräsident handelt sehr besonnen. Aber natürlich hätten wir uns schon eine schnellere Öffnung gewünscht. Doch der Infektionsschutz hat Vorrang. Über den Startzeitpunkt muss die Politik entscheiden. Wir hoffen jetzt auf eine weitere Lockerung zum 3. Mai  für die Gaststätten zum Beispiel, in denen ein Sicherheitsabstand möglich ist, aber auch für die Berufsschulen.

In Phase zwei wollen Sie Kontakte auf fünf Personen ausdehnen und Tourismus für  kleine Gruppen erlauben. In den Phasen drei und vier auch Kultur- und Freizeitangebote öffnen. Welches Zeitfenster sehen Sie dafür?

Ich wünsche mir einen Zeitplan von der Politik. Aber natürlich hängt das von der Entwicklung der Infektionszahlen ab. Ich verstehe zum Beispiel nicht, warum Friseure öffnen dürfen, Cafés aber noch nicht, obwohl ich  einen Friseurbesuch dringend nötig habe (lacht). Aber im Café könnte man doch leichter Abstand halten. Bis zum Sommer rechne ich dann mit einem Beginn des Individualtourismus.

Wie bewerten Sie die 800 Quadratmeter-Grenze für die Öffnung von Geschäften?

Das bringt eine Wettbewerbsverzerrung. Uns wäre eine Anzahl von Personen pro Quadratmeter lieber gewesen. Das wäre fairer.

Sie hatten im März die Befürchtung geäußert, dass unterbrochene  Lieferketten über Wochen oder Monate den Auswirkungen einer Naturkatastrophe für die Wirtschaft gleichkäme. Wie schlimm wird es?

Die Automobilhersteller nehmen die Produktion wieder auf, Autohäuser und andere Geschäfte öffnen. Die Wirtschaft nimmt sukzessive wieder Fahrt auf, und das ist gut so. Monatelangen Stillstand hat es übrigens auch in China nicht gegeben. Wir liefern inzwischen sogar wieder nach Wuhan.

Die Aussichten sind also gar nicht so trüb?

Nein, ich bin sehr zuversichtlich für die hessische Wirtschaft. Um es mit einem legendären Boxkampf von Mohammad Ali 1974 in Kinshasa zu vergleichen: Wir müssen uns auf einen langen Weg zum wirtschaftlichen Comeback einstellen, und wir werden noch so manchen Tiefschlag einstecken müssen. Aber ich bin ganz sicher, dass uns mit unseren Maschinen und unserer tollen Ingenieurkunst ein Comeback gelingen wird.


Mang baut auch Schutzvisiere

Obertshausen  – Wolf Matthias Mang ist neben seinen Ämtern als VHU-Präsident und Vorstandschef des Arbeitgeberverbands Hessenmetall auch Unternehmer. Der 62-Jährige ist Geschäftsführer der Arno Arnold GmbH. Normalerweise fertigt das Obertshausener Familienunternehmen Schutzabdeckungen für Maschinen. Doch die sind während der Corona-Krise weniger gefragt. „So kam einer unserer Mitarbeiter auf die Idee, mit unserem 3-D-Drucker Corona-Schutzausrüstung herzustellen. Das ganze Team war direkt begeistert von dem Vorschlag, und wir haben innerhalb von drei Tagen ein serienreifes Produkt auf den Markt gebracht“, berichtet Mang stolz: ein Gesichtsvisier, das vor Corona-Viren schützt.
 

2000 Stück fertigt das Unter­nehmen nun täglich zum Preis von je zehn Euro. „Ich bin nicht sicher, ob wir damit Geld verdienen. Aber das Produkt hat das Gemeinschaftsgefühl in unserem Unter­nehmen enorm vorangebracht“, erzählt er. Seit seine Firma die Visiere produziere, sei regelrecht ein „Start-up-Geist“ entstanden. Früher habe das Unter­nehmen Musikinstrumente hergestellt, dann komplexe Maschinenschutzvorrichtungen und nun zusätzlich medizinische Schutzausrüstung. „Wir begreifen den Wandel als Chance“, erklärt Mang.

„Nach Gesprächen mit Ärzten haben wir das Produkt so optimiert, dass es einen großen Käuferkreis findet“, berichtet er. Neben Krankenhäusern und Dialysezentren gehörten inzwischen auch Friseure, Schulen und Bildungswerke dazu.

Zehn Mitarbeiter seien mit der Produktion der Visiere beschäftigt. Für jeden zehnten verkauften Gesichtsschutz spende das Unter­nehmen einen weiteren an Kliniken und Pflegedienste.

Das Visier gibt es bei Optikern zu kaufen sowie in größerer Stückzahl über die Firmen-Homepage: www.arno-arnold-gesichtsschutz.de/product-page/arno-arnold-gesichtsvisier.    ch

Das Interview erschien in der Frankurter Neue Presse, von Frau Christiane Warnecke vom 25.04.20

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