3. VhU-Wirtschaftsforum: Die Bedeutung flüssiger Energieträger und Rohstoffe im Energiemix der Zukunft // 24. August 2018

Bartholomäus: „Technologieoffenheit bietet Möglichkeit, Industrie in Hessen zu erhalten und bestehende Infrastruktur weiter zu nutzen.“ // Prof. Küchen: „Synthetische Kraft- und Brennstoffe für Klimaziele unverzichtbar!“

Synthetisch hergestellte flüssige Energieträger und Rohstoffe sind unverzichtbar, um den Treibhausgasausstoß zu verringern. Perspektivisch könnten solche treibhausgasneutralen Kraft- und Brennstoffe zu wettbewerbsfähigen Preisen angeboten werden.

Zu diesem Ergebnis kommt eine   Prognos-Studie, die am 24.08.2018 im Rahmen eines Wirtschaftsforums der Vereinigung der hessischen Unternehmerverbände (VhU) vorgestellt wurde. Schon heute ist es technisch möglich, über Elektrolyse Wasserstoff, Kerosin, Diesel, Benzin oder Heizöl treibhausgasneutral herzustellen, indem Strom aus erneuerbaren Quellen genutzt wird (Power-to-Liquid, PtL).

Die Autoren der Studie gehen davon aus, dass synthetische Kraftstoffe im Jahr 2050 zu Kosten zwischen 70 Cent je Liter bei optimalen Standortbedingungen und rund 1,30 Euro je Liter erzeugt werden können. Damit wären treibhausgasneutrale Kraftstoffe für Verbraucher gegenüber rein strombasierten Lösungen auch preislich wettbewerbsfähig. Voraussetzung hierfür sei ein groß-industrieller Einstieg in die Power-to-Liquid-Technik, damit Lerneffekte erzielt und Kosten gesenkt werden können.

„Flüssige Kraft- und Brennstoffe stellen derzeit in Deutschland rund 98 Prozent der Antriebsenergie im Luft-, Straßen- und Schiffsverkehr und etwa 22 Prozent der Heizenergie bereit. Zudem deckt die chemische Industrie hierzulande drei Viertel ihres organischen Rohstoffbedarfs mit Mineralöl. Auch besitzt die bestehende Infrastruktur für diese flüssigen Energieträger, z. B. Tankstellen, Tanklager und Pipelines, einen erheblichen volkswirtschaftlichen Wert“, sagte Peter Bartholomäus, Vorsitzender des VhU-Energieausschusses und Vorsitzender der Geschäftsleitung des Industrieparkbetreibers InfraServ Wiesbaden. „Da gibt es eine große Chance, den CO2-Ausstoß mit der vorhandenen Infrastruktur, mit bestehenden industriellen Verfahren sowie mit Verbrennungsmotoren und Ölheizungen zu verringern. Dafür brauchen wir einen wirklich technologieoffenen Politikansatz.“

 

Prof. Dr. Christian Küchen, Hauptgeschäftsführer des Mineralölwirtschaftsverbandes, stellte die Unverzichtbarkeit flüssiger Energieträger heraus: „Die heimische Mineralölwirtschaft ist fester Bestandteil industrieller Wertschöpfungsketten. Etwa 20 Prozent der Raffinerieproduktion gehen zur Weiterverarbeitung in die chemische Industrie, die auch in Hessen stark vertreten ist. Diese Zusammenarbeit muss erhalten bleiben. Will Deutschland seine klima- als auch industriepolitischen Ziele erreichen, ist es entscheidend, dass schrittweise die Treibhausgasemissionen der Mineralölprodukte reduziert werden. Ein wichtiger Weg hierzu ist Power-to-Liquid, also die Nutzung von Ökostrom zur Hersteller treibhausgasarmer flüssiger synthetischer Kraft- und Rohstoffe. Es ist daher sehr zu begrüßen, dass die Bundesregierung im Koalitionsvertrag die weitere Unterstützung der erneuerbaren synthetischen Kraftstoffe festgeschrieben hat. Als nächstes muss eine Roadmap für den Markthochlauf folgen. Und dafür muss der Regulierungsrahmen technologieneutral angepasst und auch eine steuerliche Entlastung CO2-neutraler Energieträger geprüft werden.“
 
Christoph Hentzen, stellvertretender Vorsitzender des VhU-Energieausschusses und Geschäftsführer des Eisenwerks Hasenclever in Battenberg, betonte die Bedeutung des Verbrennungsmotors für die mittelständischen Automobilzulieferer in Hessen: „Wir sind mit über 600 Beschäftigten Technologie- und Qualitätsführer bei Abgaskomponenten. Der hessische Mittelstand hängt unmittelbar am Verbrennungsmotor – und damit daran, dass auch in Zukunft flüssige Energieträger genutzt werden können. Gerade in Hessen gibt es eine ganze Reihe mittelständischer Technologieführer in diesem Bereich. Es wäre verheerend, würde die Politik durch eine einseitige Festlegung auf Elektromobilität uns die wirtschaftliche Basis entziehen, obwohl es durchaus Wege gibt, die Klimaziele auch mit dem Verbrennungsmotor insbesondere mit alternativen Brennstoffen einzuhalten. Man muss auch die Rohstoffverfügbarkeit, insbesondere bei der Batterieherstellung im Auge behalten.

Maik Löw, Geschäftsführender Gesellschafter der ML Tankstellen GmbH in Idstein und Betreiber von sechs Tankstellen in Hessen ergänzte: „Die Vorteile von synthetischen Kraftstoffen liegen auf der Hand: Sie sind technisch in allen Verbrauchssektoren einsetzbar. Pipelines, Tanklager, Heizöltanks, Tankstellen sowie die bestehende Fahrzeugflotte können ohne Umrüstung weiter genutzt werden. Denn synthetische Kraftstoffe können genauso verarbeitet, gespeichert, transportiert und verwendet werden wie heutige flüssige Energieträger. Das wäre insbesondere für Verbraucher vorteilhaft. Eine Zapfsäule kann pro Stunde etwa zwölf Autos betanken, die dann eine Reichweite zwischen 800 und 1000 Kilometern haben. Mit einer 50 kW-Schnellladesäule kann man bestenfalls ein bis zwei E-Autos pro Stunde aufladen, um eine nur halb so hohe Reichweite zu erreichen. Ich weiß nicht, wie das zu Ferienzeiten auf unseren Tankstellen aussehen soll.“

Dr. Birgit Ortlieb, Director Government Affairs der DOW Deutschland Inc. verwies auf die herausragende Bedeutung von Kohlenstoffverbindungen für die chemische Industrie: „Das Schlagwort ‚Dekarbonisierung‘ und das politische Ziel einer kohlenstofffreien Volkswirtschaft verbrämt unseren wichtigsten Rohstoff. Das ist fatal. Die Politik sollte das Problem in den Blick nehmen, nämlich die Treibhausgasemissionen. Für die Bereiche Stromerzeugung und Industrie gibt es mit dem europäischen CO2-Deckel ein ökologisch absolut zuverlässiges und ökonomisch hoch effizientes System zur CO2-Minderung. Die Einführung von CO2-Deckeln in den Bereichen Hauswärme und Straßenverkehr wäre geeignet, die notwendige Treibhausgasminderung zu garantieren und ließe allen innovativen Technologien zur klimaschonenden Energieversorgung den nötigen Raum zur Entfaltung – ganz ohne Verbote oder Subventionen.“

An der anschließenden politischen Podiumsdiskussion nahmen Ulrich Caspar MdL (CDU), Timon Gremmels MdB (SPD), Daniela Wagner MdB (Bündnis 90/Die Grünen) und Dr. Hermann Otto Solms MdB (FDP) teil.

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Clemens Christmann

Dr. Clemens Christmann
Wirtschafts- und Umweltpolitik

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Dr. Vladimir von Schnurbein
Leiter Energie-, Umwelt- und Klimapolitik