Konzepte und Rezepte zur Schulpolitik - Diskussionsreihe zur Hessenwahl

Frankfurt/Wiesbaden. Das 38. VhU-Bildungsforum am 20.08.2018 führt die langjährige Tradition fort, sich vor der Landtagswahl mit den bildungspolitischen Zielen der hessischen Parteien in ihren Wahlprogrammen auseinanderzusetzen. Nach der FDP im April 2018 und Bündnis 90/Die Grünen im Juni stellte der bildungspolitische Sprecher der CDU-Landtagsfraktion, MdL Armin Schwarz, die zentralen Bildungsziele seiner Partei für die nächste Legislaturperiode vor.

Die Leitgedanken einer Regierung nach der anstehenden Wahl beschrieb er mit Werteorientierung, Wahlfreiheit und Leistungsgerechtigkeit, die durch Bildungsqualität garantiert und ausgebaut werden sollten. Dabei wolle die CDU das bewährte differenzierte Schulsystem einschließlich der Förderschulen erhalten, aber keine Einheitsschule schaffen. Auch die Schulen in freier Trägerschaft sollen erhalten bleiben.

Weiterhin stünden Kindeswohl und die Wahlfreiheit der Eltern im Mittelpunkt ihrer bildungspolitischen Entscheidungen, weshalb an der 105% Lehrkräfteversorgung festgehalten würde und der Unterricht mit Qualitätsgedanken in den Mittelpunkt rücke.

Zur Entlastung der Lehrkräfte von Verwaltungsaufgaben schlug Schwarz eine Entbürokratisierung durch die Straffung oder gar Abschaffung von Berichtspflichten vor. Mehr Schulassistenzkräfte sollen Schulleitungen und Lehrkräfte entlasten. Hierbei könnte auch an eine Übernahme von Schulsekretärinnen in den Landesdienst gedacht werden.

Schwarz betonte den Stellenwert der Bildungssprache Deutsch, weshalb jedes Kind bereits bei der Einschulung oder bei der Übernahme aus Integrationsklassen über ausreichende Deutschkenntnisse verfügen solle. Dazu gehöre auch eine verbindliche Korrektur von Rechtschreibfehlern von Beginn an.

Auch kleine Grundschulen auf dem Land sollen erhalten bleiben, Grundschüler von weiteren Sozialpädagogen, der Etablierung multiprofessioneller Teams und zusätzlichen Mathematik- und Deutschstunden profitieren. Für Übergänge und Abschlüsse sollen berufliche Bildungsangebote betont und eine qualifizierte Beratung der Eltern vor dem Übergang in die weiterführende Schule eingeführt werden. Erfolgreiche Programme, wie „Praxis und Schule“ (PuSch), sollen flächendeckend durchgeführt werden und für die Abiturabschlüsse in Deutschland kündigte Schwarz eine bessere Vergleichbarkeit an. Zudem sollen mindestens 500 weitere A14-Beförderungsstellen geschaffen und die Begabtenförderung ausgebaut werden.

Für die Förderung der Berufsorientierung regte der bildungspolitische Sprecher der CDU den Ausbau entsprechender Praxisanteile an. Er unterstrich das Ziel einer Stärkung der beruflichen Bildung und betonte den gleichen Stellenwert von dualer und akademischer Ausbildung. In der beruflichen Bildung sollen Landes- und Bezirksfachklassen etabliert und das „Gütesiegel Berufs- und Studienorientierung Hessen“ (BSO) ausgebaut werden. Der Ganztagsschulausbau solle bedarfsorientiert erfolgen und freiwillig bleiben sowie die sozialindizierte Lehrerzuweisung fortentwickelt werden.

Hinsichtlich der bundesweit diskutierten Umsetzung des Inklusionsgedankens sprach sich Schwarz für den Erhalt der Förderschulen und der Wahlfreiheit aus. Grundrechtsklarheit, Wertevermittlung und Demokratieerziehung seien entscheidende Grundlagen für den gesellschaftlichen Zusammenhalt und für eine zielgerechte Extremismusprävention, weshalb das Fach Politik/Wirtschaft gestärkt und Europaschulen ausgebaut würden. Der islamische DITIB-Religionsunterricht jedoch solle durch islamkundlichen Unterricht oder Ethikunterricht mit Schwerpunkt Islam ersetzt werden, wenn DITIB die durch die Landesregierung ausgesprochenen Vorgaben bis zum Jahresende nicht erfüllt haben sollte.

v.l: Matthias Rust,VhU-Vizepräsidentin Derin-Holzapfel, Jörg Feuchthofen,Kultusministerin a.D. Dorothea Henzler. Zur Digitalisierung und Medienbildung stellte Schwarz klar, dass die Technik nicht das Primat des Lernens und der Pädagogik überlagern dürfe. Die CDU spreche sich aber für ein digitales Grundangebot und für eine digitale Bildungsoffensive aus. Für die Weiterbildung sollen der Hessencampus und der Pakt für Weiterbildung erhalten bleiben.

Der bildungspolitische Sprecher der SPD-Fraktion, MdL Christoph Degen, stellte dazu fest: „Dass mehr Geld in die Bildung in Hessen geflossen ist, steht außer Streit. Pauschale Gesamtausgaben allein sagen allerdings noch nichts über die Wirkung. Hier gibt es erhebliche Investitionsdefizite, vor allem an Grundschulen. Auch bei anderen Schulformen, wie den Berufsschulen, fehlt es personell in erster Linie nicht an Stellen, aber an Wegen, die einen auch pädagogisch qualifizierten Quereinstieg von Lehrkräften von außen ermöglichen. Der Ausbau von Ganztagsschulen käme deutlich zügiger voran, wenn die Landesregierung bei hierfür zentralen Voraussetzungen, etwa im baulichen Bereich, nicht einfach auf die Zuständigkeit der kommunalen Schulträger verweisen würde und diese damit allein ließen. Besonders wichtig ist es uns, die stetig gestiegene administrative Belastung nicht nur der Schulleitungen, sondern auch der Lehrer und Lehrerinnen zu überprüfen und abzubauen. Schließlich bietet gerade die Selbstständige Schule viele Möglichkeiten, mit der Kompetenz vor Ort zu entscheiden, ohne aufwändige administrative und bürokratische Vorgaben von oben zu machen“.

Der bildungspolitische Sprecher der FDP-Fraktion, MdL Wolfgang Greilich, konstatierte ebenfalls eine gute Grundversorgung mit Lehrerstellen, die allerdings im Schulalltag nicht ankomme: „Seit der guten Stimmung zu Beginn der Legislaturperiode hat sich die Sachlage erheblich verschlechtert. Alle Mitwirkenden in Schulen sind überfordert. Neue Herausforderungen, wie die Inklusion, wurden bürokratisch und mit der Brechstange angegangen. Neue zusätzliche Aufgaben, ob der Ausbau von Ganztagsschulen oder die schulische Integration von Geflüchteten, haben zu einer Überlast von Lehrenden und Leitenden geführt. Statt zusätzliche Ressourcen für den Unterricht zu schaffen, wurden mehr bürokratische Pflichten und Aufgaben eingeführt oder ausgebaut. Zudem bleiben bisher neue Herausforderungen, wie die Digitalisierung, auf der Strecke. Es gibt zwar vollmundige Ankündigungen für die Zukunft, aber kein Gesamtkonzept oder wenigstens Bausteine dafür. Auch der Bereich des wirtschaftskundlichen Unterrichts ist sanierungsbedürftig. Dabei geht es nicht nur um die Diskussion neuer Fächer, sondern grundsätzlich um die Wahrnehmung bzw. Vermittlung von Wirtschaft als positiver Faktor in der Schule und als wichtiger Arbeits- und Lebensbereich für den Weg nach Schule und Ausbildung.“

Aus Sicht der hessischen Wirtschaft beschrieb der VhU-Geschäftsführer für Bildungspolitik, Jörg E. Feuchthofen, Handlungsfelder zu schulpolitischen Inhalten für eine Landesregierung in der nächsten Wahlperiode: „Die Politik hat erkannt, wie wichtig die berufliche Ausbildung und damit der Fachkräftenachwuchs für den Wirtschaftsstandort Hessen ist. Um dem Sog zu Abitur und Studium zu begegnen, brauchen Wirtschaft und Verbände die Unterstützung der Politik. Die noch in diesem Jahr anlaufende Imagekampagne des Landes Hessen pro duale Ausbildung ist dabei ein guter erster Ansatz, ebenso der bereits laufende Modellversuch zum Direktzugang in ein Studium nach einer guten Berufsausbildung. Deutlich ausgebaut werden muss aber auch noch in der Praxis die Berufsorientierung in der Schule. Gerade bei den Gymnasien ist das Neuland, das viele Chancen bietet. Es sollte insgesamt gelingen, mittelfristig den Stellenwert der Arbeits- und Lebenswelt Wirtschaft im Unterricht und Schulalltag deutlich zu erhöhen, nicht zuletzt angesichts der digitalen Herausforderungen bei den meisten späteren Arbeitsplätzen.“


Hintergrund

Die Marke VhU-Bildungsforum greift seit 2004 aktuelle Themenstellungen in der hessischen Schulpolitik auf und bietet leitenden Vertretern des Schulsystems eine Plattform, mit in der Regel nur einem renommierten Gastreferenten zu diskutieren. Die schulpolitischen Sprecher der Fraktionen im Hessischen Landtag greifen Vortrag und Diskussion auf und ziehen jeweils ein eigenes Fazit. Die breite Spannweite der VhU-Forenthemen reicht von der Vorstellung erfolgreicher Schulsysteme im Ausland über die Diskussion neuer wissenschaftlicher Erkenntnisse bis hin zu den bildungsbezogenen Wahlprogrammen der Parteien und zentralen Veränderungen aufgrund des Regierungshandelns im hessischen Schulwesen.