Reihe "Bildungspolitik der Parteien in Hessen 2018" - Rückblick

SPD setzt Schwerpunkt auf Modernisierung von Schulen und Lehrkräftebildung // Wirtschaft sieht vor allem Handlungsbedarf bei frühkindlicher Bildung und Grundschule, Bildungsgrundlagen und Digitalisierung

 

Frankfurt. Mit dem 39. VhU-Bildungsforum am 10 .September fand die Reihe der hessischen Wirtschaft, sich vor der Landtagswahl mit den bildungspolitischen Zielen der hessischen Parteien in ihren Wahlprogrammen auseinanderzusetzen, ihren Abschluss.

Nach der FDP im April 2018, Bündnis 90/Die Grünen im Juni und CDU im August stellte der bildungspolitische Sprecher der SPD Landtagsfraktion, MdL Christoph Degen, die zentralen Bildungsziele seiner Partei für die nächste Legislaturperiode vor. Er umriss aus seiner Sicht die bildungspolitischen Baustellen in Hessen und erläuterte, an welchen Stellen die SPD eine Modernisierung vorantreiben wolle. Dazu gehöre die Situation an Schulen mit benötigten Unterstützungsstrukturen und die Themen Gebäude, Ausstattung und Verwaltung.


Das Kernthema der SPD für die kommende Legislaturperiode sei, so Degen, „Schule modernisieren“. Hierzu gehörten ein Programm zum Ausbau „echter kostenfreier Ganztagsschulen“ inklusive eines Investitionsprogramms, um die baulichen Voraussetzungen für moderne barrierefreie Schulgebäude und für eine adäquate digitale Infrastruktur zu schaffen; mehr Schulsozialarbeit mit auch psychologischer Unterstützung, ein erweiterter Sozialindex, der sich an den Erfordernissen der einzelnen Schule bemisst, die Erhöhung des Schulbesuchsrechts auf 27 Jahre sowie ein Ausbau der Vertretungsreserve. Ferner solle die individuelle Förderung durch eine auskömmliche sonderpädagogische Grundversorgung gewährleistet und die Inklusion mit einem langfristig angelegten „Masterplan Inklusion“ unterlegt werden.

Langfristig sollten Beratungs- und Förderzentren zu „Zentren für besondere pädagogische Förderung“ weiterentwickelt werden und als regionale Unterstützungsagenturen neben Teilleistungsstörungen auch für besonders Begabte zuständig sein. Schließlich solle ein Diversity-Konzept die Schulen im Bemühen gegen Mobbing, Homophobie und für Toleranz unterstützen und die flexible Oberstufe als Modellversuch für verschiedene Lerngeschwindigkeiten eingeführt- und die Gesundheitsförderung gestärkt werden.

Zur Berufs- und Lebensweltorientierung gehörten im SPD-Programm die Intensivierung der Berufsorientierung an Gymnasien, regelmäßige Praxistage für zuständige Lehrkräfte und eine frühzeitige Förderung der MINT-Fächer. Auch die politisch-kulturelle Bildung solle gestärkt werden.

Gebremst würden laut Degen die Ziele der SPD durch den von den Landesregierungen der letzten Jahre verursachten Lehrkräftemangel. Deshalb müsse der Schwerpunkt der nächsten Wahlperiode vor allem auf der Qualifizierung von Lehrkräften liegen. Zudem sollten Lehrkräfte in der Aus- und Weiterbildung verstärkt auf die Zukunftsthemen Inklusion, heterogene Lerngruppen, Digitalisierung, Deutsch als Zweit- und Fremdsprache sowie auf sprachsensiblen Fachunterricht vorbereitet werden. Hierzu sieht die SPD eine Angleichung der Studiendauer aller Lehramtsstudiengänge vor. Zur Entlastung der Lehrkräfte befürwortete die SPD zusätzliche Verwaltungsfachkräfte sowie Deputatsstunden für Koordinierungsaufgaben. Hinsichtlich der Bezahlung sehe sie eine Gleichbehandlung von Lehrämtern mit gleicher Einstiegsvergütung (A13/E13) vor.

Lehrkräfte sollten, so Degen, in der Aus- und Weiterbildung verstärkt auf die Zukunftsthemen Inklusion, heterogene Lerngruppen, Digitalisierung, Deutsch als Zweit- und -Fremdsprache sowie auf sprachsensiblen Fachunterricht vorbereitet werden. Zu ihrer Entlastung befürwortete die SPD zusätzliche Verwaltungsfachkräfte. Hinsichtlich der Bezahlung sehe sie eine Gleichbehandlung von Lehrämtern mit gleicher Einstiegsvergütung (A13/E13) vor.



Der bildungspolitische Sprecher und Vorsitzende der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen, MdL Mathias Wagner, stellte dazu fest: „In den großen Linien der Bildungspolitik sehe ich in Hessen eine weitgehende Übereinstimmung bei Regierung und Opposition und damit eigentlich den von uns allen geforderten Schulfrieden im Land als erreicht an. Das war beim Bildungsgipfel vor 3 Jahren noch anders. Unterschiede gibt es natürlich, aber auf der Ebene der Akzentuierung oder gar Nuancierung von Einzelaspekten. Zum Beispiel bezweifele ich, ob wir, nachdem sich das Thema G 8 und G 9 gerade beruhigt hat, eine Flexibilisierung der Zeit in der Oberstufe angehen sollten. Eine Verlängerung des Rechts auf den Berufsschulbesuch bis 27 Jahre birgt die Gefahr im Übergangssystem, dass der deutlich längere Verbleib in der Schule unser Ziel belasten könnte, die Betroffenen möglichst zügig in Ausbildung und Arbeit zu bringen. Grundsätzlich ist zu bedenken, dass die Aufgaben von Schulen erheblich gewachsen sind, zum Beispiel mit Blick auf den Erziehungsauftrag. Neben weiteren Ressourcen ist mir wichtig, dass die Schulen künftig mehr pädagogische Freiheit und Vertrauen erhalten, um vor Ort in ihrer jeweils konkreten und unterschiedlichen Unterrichts- und Versorgungssituation flexibler reagieren zu können.“

Der bildungspolitische Sprecher der CDU-Fraktion, MdL Armin Schwarz, konstatierte eben-falls Gemeinsamkeiten in der hessischen Schulpolitik, sah aber auch deutlich unterschiedliche Positionen: „Das Lob der SPD für die Anstrengungen und Leistungen der Landesregierung freut mich natürlich. Dabei bleiben aber auch weiterhin elementare Unterschiede bei zentralen Weichenstellungen bestehen. Es geht nicht nur um mehr Geld, das wir bereitstellen, sondern auch um das Angehen zukünftiger Entwicklungen. Das SPD-Konzept, mit dem etwa alle Schülerinnen und Schüler mit sonderpädagogischem Bedarf neben solchen mit einer Hochbegabung im selben Klassenraum unterrichtet werden, wäre dann eben doch die Einheitsschule. Unterstützung und Förderung sollten nach bestimmten Bedarfen erfolgen, um jeweilige Begabungen individuell gezielt zu fördern. Dazu brauchen wir die bewährte vielfältige hessische Schullandschaft. Zum Thema Ganztagsschulen traut die CDU auch weiterhin Eltern zu, ihren familiären Teil von Bildung und Erziehung zu leisten. Ziel muss es sein, nicht möglichst Viele täglich lange an der Schule zu halten, sondern auch weiterhin außerschulische Lernwelten, wie Vereine aller Art, zu nutzen und als großen Gewinn zu betrachten.“

Der bildungspolitische Sprecher der FDP-Fraktion, MdL Wolfgang Greilich, setzte darauf, dass für alle Parteien das Thema Einheitsschule nicht mehr zur Debatte stehe. Gleiches gelte für die Abschaffung der Förderschulen: „Die heutige Mängelliste der SPD ist in den Zahlen korrekt. Aber es steht auch außer Streit, dass es Verbesserungen gegeben hat und mehr Ressourcen geschaffen wurden. Manches mehr sollte allerdings schnell angegangen werden. Es reicht nicht aus, sich auf eine 105-prozentige Lehrerversorgung zu berufen, wenn die Definition von 100 Prozent durch neue und zusätzliche Aufgaben der Schulen längst hätte überprüft und neu justiert werden müssen. Bei der Digitalisierung fehlt mir im Konzept der SPD der Aspekt der Medienkompetenz und der adäquaten Unterrichtsunterstützung, weil Hessen bei der Umsetzung der Digitalstrategie der KMK im Ländervergleich weit hinten liegt. Beim Thema Schule und Wirtschaft darf es nicht zu einseitigen Verteufelungen führen. Schule sollte sich doch mehr nach außen öffnen. Sponsoring hat zudem immer auch Werbeeffekte, die vertretbar erscheinen. Auch die FDP sieht den Weg einer Verlängerung des Rechts zum Besuch der Berufsschule auf 27 Jahre als sachgemäß an, um etwa bei manchen Geflüchteten die notwendige Anschlussbildungsfähigkeit zu erreichen. Zudem ist es generell notwendig, das Klima im Schulsystem zu verbessern. Die Weiterentwicklung der Selbstständigen Schule würde dazu beitragen, Misstrauen durch vertrauen zu ersetzen.“



Aus Sicht der hessischen Wirtschaft benannte der VhU-Geschäftsführer für Bildungspolitik, Jörg E. Feuchthofen, einige Handlungsfelder zu schulpolitischen Inhalten für eine Landesregierung in der nächsten Wahlperiode: „Neben Schule und beruflicher Bildung halten wir eine weitere Stärkung der vorschulischen Bildung für notwendig. Die Befreiung von Kita-Gebühren hat einen hohen Preis. Das darf nicht zu Lasten von Investitionen in weitere Qualitätsverbesserungen in der Elementarbildung und beim Übergang von der Kita in die Grundschule gehen. Auch die Grundschule selbst ist ein Fokus für bildungspolitische Prioritäten. Es gilt, hier für alle weiterführenden Bildungsgänge Kernkompetenzen zu entwickeln und dabei der Heterogenität der Schülerschaft als einzige Schule für alle gerecht zu werden. Neben der Stärkung von Rechnen, Schreiben oder Lesen als unabdingbare Grundbildung, erwarten wir als Wirtschaft eine Aufwertung mathematisch-naturwissenschaftlich-technischer Inhalte. Hinzu kommen heute Grundkenntnisse und Verständnishilfen als Start in eine systematische Vorbereitung auf die spätere digitale Lebens- und Berufswelt. Das erfordert auch massive Investitionen in die Infrastruktur.“

Die Ziele der SPD-Bildungspolitik auf einen Blick

Die Vorstellungen der SPD zu konkreten Inhalten, zur Lehrerbildung und zu den Arbeitsbedingungen der Lehrkräfte gründeten sich auf Grundsatzziele, die sich um das Bild einer modernen Schule in einem offenen und durchlässigen Schulsystem rankten. Dazu gehörten vor allem die Aspekte

  • Transparenz und indikatorgestützte Bildungsplanung durch einen regelmäßigen Bildungsbericht,
  • Schule als Ort der Identitätsfindung, frei von Diskriminierung, Angst und Gewalt,
  • ein Umgang auf Augenhöhe zwischen dem Ministerium, den Schulämtern und Schulen,
  • Selbstständigkeit, Teamfähigkeit und soziale Verantwortung,
  • Potenziale heben durch maßgeschneiderte Förderung,
  • Fachkräfte sichern,
  • gleiche Bildungschancen in Stadt und Land,
  • Innovation und guter Unterricht durch professionell ausgebildete und motivierte Lehrkräfte
  • und Vorbereitung auf Demokratie, Leben und Beruf.


Die primären bildungspolitischen Baustellen benannte Degen aus Sicht der SPD mit den Stichworten

  • Priorisierung der Bildungsinvestitionen
  • Verbesserung der Schüler-Lehrer-Relation und Unterrichtsversorgung
  • Bekämpfung des Lehrkräftemangels
  • Abbau von befristeten Arbeitsverhältnissen und Überlastungsanzeigen
  • Reduzierung von Unterrichtsausfall und fachfremdem Unterricht sowie
  • Schaffung von Chancengleichheit.


Hintergrund
Die Marke VhU-Bildungsforum greift seit 2004 aktuelle Themenstellungen in der hessischen Schulpolitik auf und bietet leitenden Vertretern des Schulsystems eine Plattform, mit in der Regel nur einem renommierten Gastreferenten zu diskutieren. Die schulpolitischen Sprecher der Fraktionen im Hessischen Landtag greifen Vortrag und Diskussion auf und ziehen jeweils ein eigenes Fazit. Die breite Spannweite der VhU-Forenthemen reicht von der Vorstellung erfolgreicher Schulsysteme im Ausland über die Diskussion neuer wissenschaftlicher Erkenntnisse bis hin zu den bildungsbezogenen Wahlprogrammen der Parteien und zentralen Veränderungen aufgrund des Regierungshandelns im hessischen Schulwesen.

 Präsentation MdL Christoph Degen, SPD-Fraktion