Fachkräftezuwanderung

Fachkräftezuwanderung: Hessens Wirtschaft braucht schnellere Verfahren und weniger Bürokratie

18.08.2026 4 Min. Lesezeit

Zusammenfassung

Die Frankfurter Rundschau stellte der VhU am 31.07.2026 Fragen zur Bedeutung ausländischer Fachkräfte für den hessischen Arbeitsmarkt, die Dr. Stefan Hoehl, Geschäftsführer Arbeitsmarkt- und Sozialpolitik der VhU, beantwortete. Der dazugehörige Artikel erschien am 17.08.2026 unter dem Titel „Wirtschaft fordert schnellere Anerkennungsverfahren“ in der Frankfurter Rundschau. Die vollständigen Fragen und Antworten veröffentlichen wir hier:

Frankfurter Rundschau: Wie stark ist Hessens Wirtschaft auf Zuwanderung angewiesen, um den Bedarf an Beschäftigten abdecken zu können?

Dr. Stefan Hoehl: Schätzungen gehen von 240.000 fehlenden Arbeits- und Fachkräften in Hessen in den nächsten Jahren aus. Deshalb brauchen wir einerseits eine erfolgreichere Zuwanderungspolitik. Auf der anderen Seite müssen wir aber auch unsere Hausaufgaben im Inland machen: Schüler müssen besser Rechnen, Lesen und Schreiben können, der Gesetzgeber darf Ältere nicht länger mit abschlagfreien Frührenten aus dem Arbeitsmarkt locken und mehr Arbeitslose müssen wieder einen Job aufnehmen. Wir brauchen ein Gesamtpaket für den Personalbedarf am hessischen Arbeitsmarkt.

Frankfurter Rundschau: In welchen Branchen ist dies besonders ausgeprägt?

Dr. Stefan Hoehl: Im Handwerk warten viele Stellen darauf, besetzt werden, ebenso wie in vielen technischen Berufen, aber auch in den Bereichen Gesundheit und Erziehung.

Frankfurter Rundschau: Wie ist die Situation angesichts des zu erwartenden Ausscheidens der Babyboomer aus dem Erwerbsleben zu beurteilen?

Dr. Stefan Hoehl: Wir stehen seit zehn Jahren im demografischen Wandel, der aber von Jahr zu Jahr noch stärker wird, weil jetzt immer größere Jahrgänge in Rente gehen. Wir brauchen deshalb alle Hände und Köpfe, die arbeiten können.

Frankfurter Rundschau: Inwiefern können Rassismus und Diskriminierung ausländische Fachkräfte abschrecken?

Dr. Stefan Hoehl: Rassismus und Diskriminierung sind inakzeptabel und auch schädlich im weltweiten Wettbewerb um qualifizierte Kräfte. Die Unternehmen sind hingegen für ausländische Arbeitskräfte durchweg sehr aufgeschlossen, wie der starke Beschäftigungsaufwuchs von Ausländern in Hessen zeigt. Positiv formuliert brauchen wir eher noch mehr Willkommenskultur für Fachkräftezuwanderer. Das fängt mit schneller arbeitenden Behörden an. Und in der übrigen Gesellschaft sollte das Bewusstsein noch wachsen, dass gut integrierte Arbeitskräfte aus dem Ausland für uns unverzichtbar sind, ebenso wie ausländische Absolventen, die hier eine Ausbildung oder ein Studium abgeschlossen haben.

Frankfurter Rundschau: Ist dieses Problem vorhanden? Nimmt es eventuell sogar zu?

Dr. Stefan Hoehl: Unsere Gesellschaft ist sicherlich nicht völlig diskriminierungsfrei. Aber es gibt kaum einen besseren Integrationsmotor als Unternehmen, die ausländische Arbeitskräfte einstellen. Denn am Arbeitsplatz kommt es vor allem darauf an, die jeweiligen Anforderungen in einem Team zu erfüllen. Das verbindet und bringt Anerkennung von Kollegen und Kunden.

Frankfurter Rundschau: Gibt es gute Strukturen in Hessen, um ausländische Fachkräfte in den Arbeitsmarkt zu integrieren?

Dr. Stefan Hoehl: Für die Integration von Fachkräften sind keine großen Strukturen erforderlich. Arbeitgeber, Kollegen und Behörden sind die ersten Ansprechpartner.

Frankfurter Rundschau: Was funktioniert dabei gut?

Dr. Stefan Hoehl: Wer in den Arbeitsmarkt einwandert und Qualifikation und Sprachkenntnisse mitbringt, kann sich direkt am Arbeitsplatz beweisen. Viele Arbeitgeber, aber auch Ausländerbehörden und Ansprechstellen wie die Welcomecenter in Frankfurt, Wetzlar und Kassel unterstützen beim Einfinden in die neue Umgebung. Auch der International Career Service Rhein-Main hilft Absolventen für unseren Arbeitsmarkt zu gewinnen, die aus dem Ausland zum Studium nach Deutschland gekommen waren.

Frankfurter Rundschau: Wo gibt es Nachbesserungsbedarf?

Dr. Stefan Hoehl: Am Zuwanderungsverfahren für Fachkräfte sind viele Behörden beteiligt, die zusammen deutlich schneller werden müssen. Gerade viele Ausländerbehörden sind aber mit Asylmigrationsverfahren überlastet. Deshalb ist es richtig und überfällig, dass Hessen im Herbst diesen Jahres eine zentrale Stelle für Fachkräftezuwanderung in Darmstadt schaffen will.

Frankfurter Rundschau: Gibt es Ihrerseits konkrete Forderungen an die Landespolitik mit Blick auf die Beschäftigungssicherung durch ausländische Beschäftigte?

Dr. Stefan Hoehl: Die Landesregierung sollte die in Hessen laufenden Anerkennungsverfahren für ausländische Abschlüsse beschleunigen, also etwa für Gesundheitsberufe, Pädagogen und Ingenieure. Mit der im zweiten Bürokratieabbaugesetz vorgesehenen Fiktionswirkung macht die Landesregierung hier einen Schritt in die richtige Richtung. Zusammen mit dem Bund müssen die Landesregierung und die Behörden in Hessen auch endlich für eine durchgehende Digitalisierung aller Verfahren sorgen. Schließlich muss die Landesregierung auch weiterhin klar unterscheiden zwischen Fachkräftezuwanderung und Asylzuwanderung, um diesen sehr verschiedenen Anliegen gerecht zu werden.

 

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