Mehr Eigenverantwortung, eine neue Schulstruktur und intensive Sprachförderung: Beim 9. VhU-Bildungsforum stellte Detlef Fickermann die Hamburger Schulreform vor und diskutierte deren mögliche Impulse für Hessen
9. VhU-Bildungsforum
Wie können mehr Eigenverantwortung und eine veränderte Schulstruktur die Qualität schulischer Arbeit verbessern? Mit diesen Fragen beschäftigte sich das 9. VhU-Bildungsforum „Selbstständige Schule 2015“ am 10. Dezember 2007 in Frankfurt am Main. Detlef Fickermann, Abteilungsleiter für strategische Aufgaben des Bildungswesens in der Hamburger Behörde für Bildung und Sport, stellte die Hamburger Schulreform vor.
Die Hamburger Schulen hatten zum Schuljahr 2006/2007 mehr Selbstständigkeit erhalten. Ziel war es, die Qualität schulischer Arbeit eigenverantwortlich zu verbessern. Die Schulen sollten eigene Konzepte für besseres Lernen und Lehren entwickeln und dabei die Schülerinnen und Schüler in den Mittelpunkt stellen. Als Grundlage dienten ein Orientierungsrahmen zur Schulqualität sowie Ziel- und Leistungsvereinbarungen mit der zuständigen Behörde.
Zur Hamburger Reform gehörten nach dem vorliegenden Zeitungsbericht außerdem eine neue Berechnung der Arbeitszeit von Lehrkräften und eine intensive Sprachförderung vor der Einschulung. Eine Besonderheit bestand in der geplanten Schulstruktur: Künftig sollte es in Hamburg nur noch das Gymnasium und die Stadtteilschule geben. In der Stadtteilschule sollten die bisherigen Schulformen mit Ausnahme des Gymnasiums zusammengeführt werden.
Detlef Fickermann begründete die Reform damit, dass sich Schülerinnen und Schüler mit besonderem Unterstützungsbedarf in stark gegliederten Schulsystemen häufig an einzelnen Schulformen konzentrierten. Dies belaste die betreffenden Schulen und erschwere es den jungen Menschen, ihr Leistungsvermögen auszuschöpfen. Eine stärkere Durchmischung der Schülerschaft sollte nach seiner Darstellung das Lernen verbessern und den Zusammenhang zwischen sozialer Herkunft und schulischer Leistung verringern.
Die Stadtteilschule sollte alle Schulabschlüsse anbieten und in 13 Jahren zum Abitur führen. Gleichzeitig sollte das Gymnasium als eigenständige Schulform bestehen bleiben. Detlef Fickermann verwies darauf, dass Studien und Modellversuche Vorteile des gemeinsamen Lernens für leistungsstärkere sowie leistungsschwächere Schülerinnen und Schüler gezeigt hätten.
In der anschließenden politischen Diskussion wurden unterschiedliche Bewertungen der Hamburger Reform deutlich. Hans-Jürgen Irmer, damaliger bildungspolitischer Sprecher der CDU-Landtagsfraktion, lehnte eine Übertragung der zweigliedrigen Schulstruktur auf Hessen ab und sprach sich für den Erhalt des gegliederten Schulsystems aus. Mathias Wagner von Bündnis 90/Die Grünen sah dagegen Gemeinsamkeiten mit den Vorstellungen seiner Partei. Dorothea Henzler von der FDP befürwortete mehr Freiheit für Schulen, bewertete eine verbindliche Zweigliedrigkeit jedoch als Einschränkung. Heike Habermann von der SPD bezeichnete das Modell als „nachdenkenswert“.
Das Bildungsforum nahm zugleich die unterschiedlichen Ausgangslagen eines Stadtstaates und eines Flächenlandes in den Blick. Hamburg war sowohl für staatliche als auch für kommunale Aufgaben zuständig und verfügte damit über andere Möglichkeiten, Verantwortung auf die Schulen zu übertragen. Die Hamburger Erfahrungen sollten Anregungen für die weitere Entwicklung eigenverantwortlicher Schulen in Hessen liefern.
Die Begrüßung und das Schlusswort übernahm Jörg E. Feuchthofen, Geschäftsführer Bildungs- und Gesellschaftspolitik der VhU. Die Diskussion moderierte Jörg Friedrich, Geschäftsführer der LAG SCHULEWIRTSCHAFT Hessen.
Zum Format: Das VhU-Bildungsforum wird seit über zwanzig Jahren von der VhU ausgerichtet. Es greift jeweils ein bildungspolitisches Thema auf, das in Form eines Fachvortrages fokussiert wird, auf den anschließend die thematisch zuständigen Sprecher/innen der Fraktionen aus dem Hessischen Landtag reagieren.
Das Forum in Bildern:
Fotos: Christoph Boeckheler
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