Kultusminister Lorz will mittelfristig Lehrerfortbildung neu ausrichten und Führungspersonal qualifizieren // Wirtschaft fordert Qualitätsmanagement und digitale Fitness
33. VhU-Bildungsforum
Über 100 Multiplikatoren aus Schulen und von Schulträgern kamen zum 33. VhU-Bildungsforum über die Zukunft der Schulen ins Haus der Wirtschaft Hessen. Kultusminister Prof. Dr. R. Alexander Lorz skizzierte als mittelfristige Schwerpunkte die Stärkung der dualen Ausbildung, die Neuausrichtung der Lehrerfortbildung, die Qualifizierung des künftigen Schulführungspersonals sowie die Integration der Flüchtlinge erst in die Schule und danach in den Beruf. Die bildungspolitischen Sprecher der Opposition kritisierten mangelnde Ausstattung der Schulen und Defizite bei Inklusion und Ganztagsschulen oder fehlende Fortschritten beim Konzept der „Selbstständigen Schule“. Die bildungspolitischen Sprecher der Regierungsfraktionen verwiesen auf den höchsten Bildungsetat aller Zeiten, eine Lehrerquote von 105 Prozent, mehr Bildungsgerechtigkeit und ein neues Umsetzungskonzept für Inklusion. Die hessische Wirtschaft forderte ein effizientes Qualitätsmanagement und Vorbereitung auf die Digitalisierung.
Kultusminister Prof. Dr. R. Alexander Lorz verwies auf die bereits veranlassten Veränderungen. Er ging sodann ausführlich auf mittelfristige und zentrale Herausforderungen für das hessische Schulwesen und seine Lösungswege ein: „Es ist nicht einfach zu prognostizieren, welches Wissen in zehn oder 20 Jahren letztlich neu auf unsere Schulen zukommen wird. Um dieser Entwicklung zu begegnen, setzen wir auf ein breites Bildungsangebot, das für jedes Kind etwas Passendes bietet und es für eine eigenverantwortliche Lebensführung fit macht. Dabei wollen wir insbesondere die duale Ausbildung als attraktive Alternative zum Studium noch stärker in den Fokus rücken. Um dies zu bewältigen, statten wir unsere Schulen mit zusätzlichen Ressourcen aus, stärken die Lehrkräfte durch eine Neuausrichtung der Lehrerfortbildung und unterstützen die zukünftigen Schulleiterinnen und Schulleiter durch eine systematische Qualifizierung. Hinzu kommt die außergewöhnliche Herausforderung, die Flüchtlinge in das Schulsystem und den Arbeitsmarkt zu integrieren. Hier sehen wir uns dank der Ressourcenausstattung und des unglaublichen Engagements unserer Lehrkräfte auf einem guten, zukunftsfähigen Weg“, betonte Lorz.
Nach lebhafter Diskussion formulierten die bildungspolitischen Sprecher der Fraktionen im Hessischen Landtag ihre jeweils eigenen Einschätzungen.
Der bildungspolitische Sprecher der SPD-Fraktion, MdL Christoph Degen, kritisierte, „dass die Landesregierung den Schulen immer mehr Aufgaben auferlegt, ohne diese angemessen auszustatten. Selbst in den Bereichen, in denen neue Stellen geschaffen werden, können aufgrund des Lehrermangels schon heute nicht alle Stellen besetzt werden. Ein zum Teil sechssemestriges Studium ist längst nicht mehr zeitgemäß und weder die inklusive Bildung noch die Medienerziehung sind verbindliche Inhalte der hessischen Lehrerausbildung. Mit der bundesweit niedrigsten Inklusionsquote und dem geringsten Anteil an Schülern im ‚gebundenen Ganztag‘ fällt Hessen immer weiter zurück. Zudem belegt nicht nur der hohe Anteil an Flüchtlingen an nicht gymnasialen Schulen den großen Nachholbedarf auf dem Weg zur Chancengleichheit.“
Der bildungspolitische Sprecher der FDP-Fraktion und Stellvertretende Landtagspräsident, MdL Wolfgang Greilich, vermisste bei der Landesregierung bzw. dem Kultusminister „ein ausreichend klares Bekenntnis zu größerer Selbständigkeit der Schulen. Notwendig ist die stärkere Verlagerung von Kompetenzen und Freiheiten auf die Schulen, da die Lehrkräfte am besten wissen, was im Unterricht notwendig ist. Die Tendenz der regierenden Koalition, immer mehr Kontrolle und Steuerung durch das Kultusministerium zu installieren, ist eine Bewegung in die genau falsche, entgegengesetzte Richtung.“
Der bildungspolitische Sprecher der CDU-Fraktion, MdL Achim Schwarz, stellte fest: „Als Folge der wie bereits in den Vorjahren erneut beträchtlichen Steigerung des Bildungsetats auf nunmehr fast 5 Mrd. Euro hat die Regierungskoalition noch zu keiner Zeit mehr Geld in Bildung investiert als im kommenden Haushaltsjahr 2017. Trotz der massiven Investitionen in den Bereichen des Ganztagsausbaus, der Sprachförderung, der inklusiven Beschulung oder der Reduzierung der Arbeitszeit wird die bundesweit nach wie vor beispiellose Lehrerversorgung von 105 Prozent im Landesdurchschnitt ohne Abstriche aufrechterhalten. Die Chancen der Digitalisierung zu nutzen ist seit Jahren Thema und spielt eine wichtige Rolle in der schulischen Arbeit. Mit dem Programm „Schule der Zukunft“ unterstützt das Land Hessen gemeinsam mit dem Hessischen Städtetag, dem Hessischen Landkreistag und der VhU die Schulen in diesem wichtigen Bereich.“
Der bildungspolitische Sprecher und Vorsitzende der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen, MdL Mathias Wagner, sagte: „Seit Beginn dieser Legislaturperiode hat die Bildungspolitik in Hessen eine neue Richtung und neuen Schwung. Im Mittelpunkt steht mehr Bildungs- und Chancengerechtigkeit. Diesem Ziel kommen wir durch den Ausbau des Ganztagsschulprogramms, der Aufstockung der Lehrerzuweisung nach Sozialindex, einem neuem Umsetzungskonzept für Inklusion und der Deutschförderung für Migrantinnen und Migranten in großen Schritten näher. Den Integrierten Gesamtschulen eröffnen wir die Möglichkeit, komplett binnendifferenziert zu unterrichten. Damit verwirklichen wir ein pädagogisches Konzept, das in anderen Bundesländern unter den Namen Sekundarschule oder Stadtteilschule bereits umgesetzt wird.“
Aus Sicht der hessischen Wirtschaft formulierte der VhU-Geschäftsführer für Bildungspolitik, Jörg E. Feuchthofen, notwendige Weichenstellungen im Gesamtsystem: „Der Weg, Unterricht immer mehr zu individualisieren und auf das Lerntempo wie Lernvermögen des einzelnen Schülers abzustellen, ist richtig und zukunftsweisend. Dazu bedarf es eines Qualitätsmanagements, das die erreichten Schulleistungen auf den verschiedenen Ebenen zusammenfassend bewertet. Mit validen Indikatoren für Schulqualität müssen Hinweise für die Entwicklung des Schulwesens als Ganzes gegeben werden. Daneben müssen sich Bund und Länder schnell auf einen gemeinsamen Weg in die aufwändige wie komplexe Digitalisierung von Schulen und Unterricht verständigen. Die Erwartungen in der Arbeitswelt, aber auch der schulische Auftrag zur Lebensbefähigung geben diesem Feld nicht nur aus Wirtschaftssicht eine sehr hohe Priorität“.
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