Globalisierung neu gestalten!

Einführungsrede zum 30. Hessischen Unternehmertag am 1. November 2022 von Wolf Matthias Mang, VhU-Präsident

Hat das bisherige Erfolgsmodell Deutschland noch eine Zukunft?

Ich meine nein!

Alle drei Säulen, auf denen wir bisher gestanden haben, tragen nicht mehr –

  • nicht die russische,
  • nicht die chinesische
  • und auch nicht die amerikanische.

Mit Russland wollen wir nicht mehr!
Mit China wollen wir anders als bisher!
Und die USA wollen uns nicht mehr. Zumindest nicht so wie bisher.

Keine billige Energie aus Russland. Keine Exporte nach und keine Rekordabsätze in China. Und der große Bruder, der uns den Sicherheitsschild aufstellt, mag auch nicht mehr. Es ist das Ende einer langen und durchaus erfolgreichen Ära. Was glauben Sie: Um wieviel ist seit dem Jahr 2000 das durchschnittliche Haushaltsnettoeinkommen gestiegen?
Um 40 Prozent!

Der Züricher Ökonom Prof. Thomas Straubhaar stellt die richtige Frage: Was ist angesichts der vielen großen Veränderungen unsere neue Richtung? Wie muss ein neues Erfolgsmodell Deutschland aussehen?

Genau darum geht es uns heute Abend!

Wie können hessische Unter­nehmen, die weltweit arbeiten, ihre Globalisierung weiterentwickeln? Und wie kann und muss die hessische Politik dabei helfen?


Wir Deutschen haben die meisten „heimlichen Weltmarktführer“ – weltweit.

Von 2015 bis 2020 ist ihre Zahl noch einmal um ein Fünftel gewachsen. Das ist ein Alleinstellungsmerkmal.

Deutschland hatte 2020

  • 1.600 Hidden Champions. Das ist fast die Hälfte aller Hidden Champions weltweit.

Die USA folgen uns mit – was glauben?

  • 350 Hidden Champions.
  • Und Japan mit 282.

Das hat Professor Hermann Simon herausgefunden. Er ist es übrigens, der schon früh den Begriff Hidden Champion geprägt hat.
Er ist renommierter BWL-Professor und Gründer der bekannten Wirtschaftsberatung Simon, Kucher & Partners.
Ich finde seinen Befund irgendwie beruhigend.

Deutschland ist das Land der Hidden Champions.

Es sind übrigens nur drei Erfolgsfaktoren, die diese sehr verschiedenen Firmen verbindet. Was glauben Sie, welche das sind?

1.    Überdurchschnittliche Innovation?
Klar! Hidden Champions geben doppelt so viel für Forschung und Entwicklung aus und melden fünfmal so viele Patente an wie der Durchschnitt der Industrie.

2.    Überdurchschnittliche Kundennähe?
Auch das! 38 Prozent der Mitarbeiter dieser Firmen haben regelmäßig Kundenkontakt.

3.    Überdurchschnittliche Bindung von Fachkräften?
Welche Azubiquote haben Sie?
Die Hidden Champions haben knapp 10 Prozent, doppelt so viele wie im Industriedurchschnitt.

Ein beispielhaftes und vorbildliches Erfolgskonzept!

Das erzählen auch wir, lieber Tarek Al-Wazir, lieber Jürgen Zabel, lieber Rainer Waldschmidt, nun seit über 20 Jahren unseren Hessen – und jedes Jahr hier auf dem Hessischen Unternehmertag. Wir sind das einzige Bundesland, das einen solchen Wettbewerb durchführt.
Unsere Hall of Fame ist beeindruckend gewachsen.
Darauf dürfen wir alle stolz sein.

Gegenwartssicherung nicht auf Kosten der Zukunftssicherung

Aktuell laufen in Hessen viele Tarifverhandlungen.
Als Arbeitgeberpräsident Hessens heute Abend nur 3 Sätze zur Höhe der Forderungen, die mit der Inflation begründet wird:

  • Die Arbeitgeber sind von der Teuerung mindestens so betroffen wie die Arbeitnehmer – je energieabhängiger desto mehr.
  • Inflationsbekämpfung ist Aufgabe der Zentralbanken.
  • Inflationsausgleich ist deshalb nicht Aufgabe der Unternehmer.

Unter­nehmen, die viel Energie verbrauchen, haben gerade riesige Teuerungsraten. Und die können sie nicht an die Kunden weitergeben.
Deshalb geht es für viele Betriebe in den kommenden Monaten um nichts anderes als die Existenz. Die Gefahr ist groß, dass Investitionen verschoben oder reduziert werden oder gleich Standorte im Ausland gesucht werden.

Das geht zu Lasten der Zukunft.
Hier am Heimatstandort müssen wir gleichzeitig

  • die gegenwärtigen Krisen bewältigen und
  • die Zukunft der Arbeitsplätze sichern.

Hier ist die Politik gefordert.

  • In der Energiekrise sparen viele Unter­nehmen schon höchst kreativ. Politisch geht es um die gezielte Entlastung der Unter­nehmen:
    Hier haben wir die Vorschläge der Expertenkommission als „pragmatischen Mix aus Schnelligkeit, Wirksamkeit und Erhalt von Ein-Spar-Anreizen“ bewertet.
  • Bei der Gestaltung unseres Energie-Mix darf es aber keine Denkblockaden geben.
    Nicht Entweder- oder ist das Gebot der Stunde. Sondern: Sowohl – als auch.
    • Wir müssen die erneuerbaren Energien erheblich schneller ausbauen. 45 Windräder in 2022 sind einfach zu wenig.

o    Wir müssen kurzfristig Engpässen überbrücken und dafür alle Energiequellen nutzen:

  • Flüssiggas,
  • Kohle
  • AKWs
  • sowie Rechtssicherheit beim Fuel Switch

o    Wir müssen und können noch kreativer werden beim Energiesparen.
Ich selbst kenne mich mittlerweile mit unserem Heizsystem inzwischen besser aus als je zuvor.

  • Wir Unternehmer brauchen jetzt ein Belastungs-Moratorium.  Hier ist vor allem die Bundespolitik gefordert.

Denn sie hat die größten Hebel in der Hand.

  • Runter mit der sehr hohen Abgabenlast in Deutschland!
    Es ist doch unerträglich, dass ein Durchschnittsverdiener rund die Hälfte seines Einkommens an den Staat abgeben muss.
  • Runter mit dem Sozialversicherungsbeitrag auf wieder unter 40 Prozent. Er überschreitet diese Maximalbelastung zu Jahresbeginn erstmals. Die sozialen Sicherungssysteme stehen jetzt schon am Rande ihrer Finanzierbarkeit.
  • Wir brauchen Lösungen für den Fachkräftemangel: beschleunigte Fachkräftezuwanderung
  • schnellere Eingliederung
  • kein Beschäftigungsverbot für ausländische Zeitarbeitskräfte.
     
  • Wir brauchen keinen Bürokratiemurks in Arbeitsrecht und Arbeitsschutz. Sondern eine flexible Modernisierung des Arbeitszeitgesetzes.
  • Weg mit unnötigen Regelungen bei
    • Lieferkettengesetz,
    • Entsende-Richtlinie,
    • Arbeitsstätten-Richtlinie
    • und Archivierungs-Pflichten.

Ein solches Belastungsmoratorium würde die Betriebe entlasten. Es gibt ihnen Zeit, sich darauf zu konzentrieren, schnell wieder aus dem Krisenmodus in den Wachstumsmodus umzuschalten.

Heute Abend wollen wir uns aber auf unsere Chancen konzentrieren:
Dafür brauchen wir mehr und bessere Globalisierung.

Wir brauchen mehr Globalisierung, nicht weniger

Es geht nicht in erster Linie um Reaktion und Anpassung. Und es geht nicht vorrangig um die Bewältigung der vielen Krisen.
Wir Unternehmer dürfen uns nicht zu Getriebenen machen lassen. Und nicht in die falsche Richtung treiben lassen.

Vielmehr müssen wir uns immer wieder die Fragen stellen:

  • In welcher Welt wollen wir leben?
  • Wie können wir gemeinsam eine solche Welt schaffen?
  • Und – ganz trivial – woher kommt das Geld dafür?

Kurz: Wir dürfen uns nicht vorbeifahrenden Schiffen orientieren. Sondern wir müssen nach den Sternen navigieren.
Das hat der frühere Siemens-Aufsichtsratschef Hermann Franz einmal gesagt.

Wir bei der VhU sind uns mit unseren

  • 88 Mitgliedsverbänden,
  • deren 100.000 Unter­nehmen
  • und – ich glaube auch mit den meisten ihrer rd. 1,5 Millionen Beschäftigten:

    einig:

Wir alle wollen unseren Kindern und Kindeskindern ein Deutschland übergeben,

  • in dem es sich glücklich und zufrieden leben lässt:
  • in Freiheit und Sicherheit und getragen durch die soziale Marktwirtschaft
  • in Frieden, Rechtsstaatlichkeit und Demokratie

Ein Deutschland

  • in dem Bildungsgerechtigkeit Aufstiegschancen sichert
  • Leistung anerkannt wird
  • Das eingebunden ist in eine Vielzahl von Handelspartnerschaften
  • Das seine Globalisierung vertieft und erweitert,
  • Das ökologischen und sozialen Standards einen hohen Stellenwert einräumt.
  • Und – nicht zu vergessen - !

Wir wollen 2022 Fußballweltmeister werden.


Wenn wir das alles wollen,

  • dann müssen wir auch Wachstum und mehr Globalisierung wollen.

Aber hier läuft leider etwas sehr falsch in der aktuellen öffentlichen Diskussion.
Weil das deutsche Erfolgsmodell nicht mehr funktioniert, ziehen viele Menschen falsche Schlussfolgerungen:

  • Wachstumsverzicht „De-Growth“
  • „De-Globalisierung“ und
  • „De-Industrialisierung“

So lauten die Schlagwörter, mit denen eine unzureichend informierte Minderheit versucht, für falsche Wege die Meinungshoheit zu erringen.
Ihr müssen wir entschieden widersprechen!
Eine Rolle rückwärts löst keine Probleme.
Unter einem globalen Blickwinkel ist sie menschenverachtend.

  • Die Weltbevölkerung wird noch lange stark wachsen.
  • Milliarden Menschen leben immer noch in bitterer Armut.
  • Mit welchem Recht und aus welchen Gründen kommen wir ihnen mit Ausstiegs- und Verzichtsappellen?

Wir dürfen unsere Verlustängste nicht auf andere Volkswirtschaften übertragen, in denen bitterer Mangel die Regel und ein harter Kampf ums Überleben alltäglich ist.  

Die Lehre aus dem Ende des bisherigen Globalisierungs-modells ist:
Wir brauche mehr und klügere Globalisierung.

  • Wir müssen einseitige Abhängigkeiten zügig verringern
  • Wir müssen unsere Liefer- und Absatzmärkte breiter diversifizieren.
  • Wir müssen die Basis unserer Partnerländer verbreitern,
    Durch Handelsabkommen oder strategische Partnerschaften können wir den wirtschaftlichen Austausch verbreitern und nachhaltig stärken.
  • Wir in Europa, Deutschland und Hessen müssen strategisch weiter auf Freihandel und offene Märkte setzen.

Let’s do it!

Mit zwei Investitions-Schwerpunkten:

1.    Es ist und bleibt die Industrie, die für Innovationen sorgen wird, schonender mit der Umwelt umzugehen: Wenn wir unsere klimaneutrale Technologie in die Länder mit dem größten Nachholbedarf exportieren, erreichen wir unendlich viel mehr als wenn wir uns selbst mit Verboten die Hände im Wettbewerb binden.

Zum Beispiel Autoindustrie:
Hessen kann Chancenland für Automation und Vernetzung werden.
Im Spätsommerhaben wir – als HESSEN­METALL - eine neue Studie vorgestellt. Sie gibt Aufschluss über die neuen Märkte in

  • Automatisierung,
  • Vernetzung und
  • Elektrifizierung.

Diese Chancen-Märkte können bis 2040 wachsen:

  • weltweit um zusätzlich mehr als 560 Milliarden Euro
  • in Deutschland um gut 180 Mrd. Euro pro Jahr.
  • Dann, wenn Deutschland seine Marktanteile verteidigen kann.

Hessen kann sich von diesem Kuchen ein großes Stück abschneiden, indem es seine vorhandenen Stärken in der Automatisierung und Vernetzung weiter entwickelt.

2.    Der größte und wichtigste Beitrag, den Deutschland zum Gelingen der Transformation leisten kann ist weltweiter Technologietransfer.
Damit diese Chance zur Realität wird, muss auf allen Ebenen viel mehr investiert werden: vor allem auch in die beste Bildung.
Sie ist die Grundlage für mehr Wissen und Können und die Voraussetzung für Inspiration und Kreativität.

Beispiel Digitale Bildung in Hessen
Bei der digitalen Bildung liegen wir in Deutschland und Hessen auf den hinteren Rängen.
Wir haben ein Tochterunternehmen in Rumänien. Daher weiß ich: Informatik ist dort Pflichtfach wie Rechnen, Schreiben und Lesen normaler Bestandteil des Unterrichts ist.

Warum nicht bei uns in Hessen?
Wovor haben wir denn solche Angst?
Davor, dass unsere Kinder nur Fortnite spielen, statt ernsthaft zu lernen?
Dazu sage ich Ihnen: Wenn unsere Kinder erst gelernt haben, wie Fortnite programmiert wird, dann wollen sie nicht mehr nur spielen, sondern Neues und anderes programmieren!

Wäre das nicht gut? Informatik als Pflichtfach jahrgangsübergreifend und verpflichtend einzuführen ist jedenfalls ein Kern unserer Position Digitale Bildung in Hessen.

  • Wenn wir mit diesem gemeinsamen Verständnis über die neue Richtung,
  • Wenn wir mit einer angemessenen Entlastung durch die Politik,
  • Wenn wir mit einer unternehmerisch zupackender Zuversicht die Chancen ergreifen

Dann werden wir durchstarten in ein neues Erfolgsmodell aus Hessen heraus.
Das ist eine Riesenchance.

Nutzen wir sie!

Kontakt
Ulrich Kirsch

Dr. Ulrich Kirsch
Geschäftsführer Kommunikation und Presse